BAD ZWISCHENAHN/HANNOVER - Viele Landwirte fürchten um ihre Ernte. Auch bei den Baumschulen gibt es Klagen über die Eckpunkteregelung.

Von Jörg Schürmeyer

und Madeleine Fulst

BAD ZWISCHENAHN/HANNOVER - Damit zu Ostern der erste Spargel auf dem Tisch stehen kann, sind viele Bauern zurzeit händeringend auf der Suche nach Erntehelfern. Dabei haben sie aber immer öfter Probleme, ihre traditionellen Arbeitskräfte – die Spargelstecher aus Polen – anzuwerben. „Viele Polen sind nicht mehr bereit, zum Spargel stechen nach Deutschland zu kommen“, erläutert Dietrich Paul, Vorsitzender des Niedersächsischen Spargelverbandes.

Er selbst habe immer mehr mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen. „Viele gehen in andere Länder, wo sie länger befristete und besser bezahlte Arbeit bekommen“, erklärt Paul. Etliche Bauern könnten große Schwierigkeiten bekommen, den Spargel rechtzeitig zu ernten, mutmaßt Paul.

Michael Klinke von der Agentur für Arbeit in Niedersachsen und Bremen kann den Trend bestätigen. Schon 2006 hätten mehr polnische Erntehelfer Arbeitsangebote ausgeschlagen als im Vorjahr. Auch in den ersten Monaten dieses Jahres habe der Andrang weiter abgenommen.


In vielen anderen Ländern wie den Niederlanden und Großbritannien gäbe es einen Mindestlohn. Dieser liege deutlich über dem, was deutsche Landwirte bereit seien zu zahlen, erklärt Klinke die Entwicklung.

„Außerdem müssen die Spargelstecher einen Teil ihres ohnehin nicht so üppigen Lohnes noch für Sozialabgaben zahlen“, sagt Klinke weiter. Grund dafür ist der EU-Beitritt Polens im Jahr 2005. Seitdem müssen sich die Erntehelfer nach polnischem Recht sozialversichern. Diese Sätze sind weitaus höher als das, was sie nach deutschem Recht zahlen mussten.

Dass seit vergangenem Jahr verstärkt auch arbeitslose Deutsche den Bauern zur Hand gehen sollen, trage zur Verunsicherung der polnischen Saisonkräfte bei, meint Paul. Zwischen 5000 und 6000 Freiwillige hätten sich 2006 gemeldet. Nach dem derzeitigen Stand sei davon auszugehen, dass die Zahl 2007 noch überschritten werde. Nur auf 1350 hätten die Landwirte 2006 zurückgegriffen.

„Die Ungewissheit darüber, was rechtens ist, schreckt viele ab“, erklärt Paul. Laut Gesetz darf seit vorigem Jahr jeder landwirtschaftliche Betrieb nur 80 Prozent der Zahl ausländischer Erntehelfer von 2005 beschäftigen. In Sonderfällen können es bis zu 90 Prozent sein.

„Diese Eckpunkteregelung hat viel an Flexibilität gekostet“, kritisiert auch Renke zur Mühlen aus Bad Zwischenahn (Kreis Ammerland) , Vorsitzender des Landesverbands Weser-Ems im Bund Deutscher Baumschulen. Zwar sei es den Baumschulen im Ammerland gelungen, durch das Setzen auf Stammkräfte und gewisse Standards – etwa eine Mindestanstellung über drei Monate – den Trend abzufedern. Dennoch seien bedingt durch die neue Regelung rund 15 bis 20 Prozent weniger polnische Arbeitskräfte beschäftigt. „Auch wir mussten leider erfahren, dass Saisonarbeitskräfte, die früher regelmäßig zu uns gekommen sind, jetzt in Dänemark oder Irland arbeiten, wo die Regelungen deutlich flexibler sind“.