Bad Zwischenahn - Wie kann die Wasserqualität des Zwischenahner Meeres so verbessert werden, dass die Blaualgenblüte, die massenhafte Vermehrung von Cyanobakterien, zumindest reduziert werden kann? Das sollte eine Machbarkeitsstudie klären, die am Mittwoch im Ausschuss für Planung, Entwicklung und Umwelt vorgestellt wurde. Die NWZ fasst die Ergebnisse zusammen.
Wie entstehen Blaualgen?
Cyanobakterien oder Blaualgen, wie sie landläufig genannt werden, vermehren sich bei einem Überangebot von Phosphor rasant. Jan Brencher, Dipl.-Ingenieur der Firma Heidt + Peters aus Celle, stützte sich bei seinen Erläuterungen zur Herkunft des Phosphors auf eine bereits 2016 erstellte Studie. Nach dieser gelangen im Schnitt 8,8 Tonnen pro Jahr in das Zwischenahner Meer. Ein erheblicher Teil stammt aus der Landwirtschaft und aus Siedlungsgebieten. Das gesamte Einzugsgebiet, aus dem die 8,8 Tonnen Phosphor ins Meer geführt werden, ist 89,3 Quadratkilometer groß.
Allein zwei intensiv landwirtschaftlich genutzte Hochmoorflächen nordöstlich von Wiefelstede und bei Aschhauserfeld sind mit 780 Hektar (7,8 Quadratkilometern) für durchschnittlich 3,1 Tonnen Phosphor verantwortlich. Aus Siedlungsgebieten (1763 Hektar) kommen im Schnitt knapp zwei Tonnen Phosphor. Weitere 3,5 Tonnen stammen aus intensiv genutzten landwirtschaftlichen Böden, die allerdings keine Hochmoorflächen und deutlich größer sind, nämlich 4801 Hektar.
Was soll erreicht werden?
Das Ziel, das für die Machbarkeitsstudie vereinbart wurde, ist eine Begrenzung des Phosphor-Eintrags um mehr als 5 auf rund 3,3 Tonnen pro Jahr. Das, so Brencher, würde eine signifikante Verbesserung des ökologischen Zustands bedeuten. Einen guten ökologischen Zustand, wie ihn die EU-Wasserrahmenrichtlinie vorsieht, werde das Gewässer aber nicht erreichen. Die Blaualgenblüte würde, wenn das Ziel erreicht wird, nicht völlig verhindert, aber deutlich seltener und weniger intensiv auftreten.
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Die Zuflüsse in den See sollen möglichst gleichmäßig sein und der Wasserstand nach Möglichkeit einer natürlich Dynamik gehorchen. Das ist derzeit nur begrenzt der Fall, weil das Meer zum einen als Regenrückhaltebecken fungiert, zum anderen für die Schifffahrt ein Mindestpegel erforderlich ist. Der liegt bei 5,20 Metern. Der Maximalpegel soll bei 5,8 Metern liegen. Vor allem der Schilfring am Ufer würde von einem niedrigeren Wasserstand profitieren und das Schilf könnte helfen, Phosphat abzubauen.
Was kann getan werden?
Die Studie schlägt eine ganze Reihe von Maßnahmen vor. Nur wenn möglichst alle davon umgesetzt werden, kann das Ziel erreicht werden.
Die Phosphormenge aus der Landwirtschaft soll möglichst um 30 Prozent oder zwei Tonnen pro Jahr reduziert werden. Während die Studie bei den Baumschulen kaum Potenzial sieht, könnte ein verstärkte Beratung und finanzielle Förderung in der Landwirtschaft helfen. Die vermehrte Ausbringung von Gülle mit Schleppschläuchen oder Injektionsverfahren und eine erosionsmindernde Bodenbearbeitung werden hier genannt.
Der hohe Phosphoreintrag aus der Drainage der Hochmoorgebiete könnte auf mehrere Arten verhindert werden. Die effektivste wäre es, die Flächen nicht mehr landwirtschaftlich zu nutzen und wieder zu vernässen, oder sie zumindest extensiv als Grünland zu nutzen und nicht als Ackerland. Weil landwirtschaftliche Flächen generell knapp sind, gilt diese Lösung als schwer umzusetzen.
46 Prozent des Phosphoreintrags gelangen über die Otterbäke in das Zwischenahner Meer. Eine Teilumleitung der Bäke wird deshalb schon lange diskutiert. Das Wasser könnte über die Flugplatzbäke und Ollenbäke am Meer vorbei geleitet werden. Das würde den Wasserstand in diesen Bäken aber deutlich erhöhen, sie müssten auf 17 Kilometern Länge um vier Meter verbreitert werden. Das würde sieben Hektar Fläche verschlingen, den Phosphoreintrag ins Meer aber um 900 Kilogramm pro Jahr verringern. Weitere ökologische Auswirkungen sind unter den beteiligten Fachleuten umstritten.
Auch Schilfpolder, künstlich geschaffene Feuchtgebiete, könnten Phosphor zurückhalten. Eine 14 Hektar große Fläche am Unterlauf der Heller Bäke könnte 800 Kilogramm Phosphor pro Jahr zurückhalten. Ein weiterer, 3,5 Hektar großer Polder im bestehenden Regenrückhaltebecken an der Halfsteder Bäke könnte den Phosphoreintrag um weitere 200 Kilogramm pro Jahr reduzieren. Ein dritter Polder von sieben Hektar Größe an der Aschhauser Bäke, unterhalb der dortigen Hochmoorflächen, würde eine weitere Reduzierung um 400 Kilogramm pro Hektar bewirken. Vor der Umsetzung könnten kleinere Testschilfpolder angelegt werden, um die Wirksamkeit zu testen. Gristeder und Nutteler Bäke könnten durch Renaturierungsmaßnahmen mit 250 Kilogramm pro Jahr zur Reduzierung des Phosphoreintrags beitragen.
Für Regenwasser aus den Siedlungsgebieten, sieht die Studie eine Reduzierung um 50 Prozent oder 955 Kilogramm pro Jahr vor. Dazu müssten, neben den Schilfpoldern, Bodenfilter oder Klärbecken installiert werden. Diese Maßnahmen betreffen vor allem das Regenwasser aus den Siedlungsgebieten in der Gemeinde Wiefelstede.
Regenwasser, das vor allem am Südufer des Meeres in Bad Zwischenahn anfällt, könnte statt ins Meer direkt in die Speckener Bäke und in die Aue abgeführt werden. Auch eine Versickerung direkt in den Siedlungsgebieten wäre möglich.
Alle diese Maßnahmen griffen wie Zahnräder ineinander, erläuterte Jan Brencher. Könne eine nicht umgesetzt werden, müsse eine andere dafür ausgeweitet werden, um am Ende das angepeilte Ziel zu erreichen.
Was kostet das alles?
Dazu gibt es keine annähernd belastbaren Zahlen. Die Machbarkeitsstudie nennt nur Schätzungen reiner Baukosten, ohne Planungskosten und Grunderwerb. Für die sogenannten Retentionsbodenfilter, die Wasser aus den Siedlungsbieten reinigen, rechnet die Studie beispielhaft mit bis zu 33 Millionen Euro. Die Teilumleitung der Otterbäke würde mit 11,5 Millionen Euro brutto zu Buche schlagen, die Schilfpolder mit jeweils rund zwei bis drei Millionen, die Renaturierung von Gristeder und Nutteler Bäke rund drei Millionen. Dazu kämen der Erwerb von vielen Hektar Land und Planungskosten.
Wer bezahlt?
Das ist die große Frage. Das Zwischenahner Meer gehört dem Land Niedersachsen. Politiker aller Fraktionen sehen deshalb vor allem die Landesregierung in der Pflicht. Das Land müsse jetzt „immer wieder angepiekst werden“, sagte auch Carsten Meyer für die Gemeindeverwaltung. Die Gemeinde könne und müsse aber auch ihre eigenen Hausaufgaben machen – bei der Planung von Baugebieten und der Regenwasserableitung zum Beispiel. Kompensationszahlungen für Neubau-Projekte könnten zudem künftig auch in Renaturierungsmaßnahmen an den Zuläufen des Meeres fließen. Die Ammerländer Wasseracht bot sich hier sofort als Partner an.
Wann kann es losgehen?
Bis zum Start größerer Maßnahmen werden viele Jahre vergehen. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) plant zunächst gemeinsam mit der Ammerländer Wasseracht ständige Messungen des Phosphor-Eintrags über die Zuläufe – in Abhängigkeit von Jahreszeit und Wassermenge. So soll die Datenlage weiter verbessert werden. Die meisten Maßnahmen erfordern neben der Finanzierungszusage auch langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren. „Die Sanierung ist eine Generationenaufgabe“, sagte Jan Brencher.
Wer kümmert sich darum?
Der Arbeitskreis Zwischenahner Meer werde sich jetzt basierend auf den Ergebnissen der Studie weiter mit der Lösung befassen, so Bürgermeister Arno Schilling. Umweltminister Olaf Lies habe kürzlich in Bad Zwischenahn bereits erklärt, er sehe die Notwendigkeit am Zwischenahner Meer zu handeln, eine konkrete Zusage sei das aber nicht. Über die jeweiligen Entwicklungen und Fortschritte will die Verwaltung regelmäßig informieren.
Und kurzfristig?
Nachdem in diesem Frühjahr bereits wieder massive Algenteppiche aufgetreten sind, die zu starker Geruchsbelästigung und Einschränkungen an den Badestellen geführt haben, wurde im Ausschuss auch über kurzfristige Maßnahmen gesprochen. Bei starken Algenblüten kommt eine Behandlung der Algenteppiche mit Nitrat in Betracht, als Alternative können die Teppiche abgesaugt oder mit Tauchwänden von Uferbereichen ferngehalten werden. Auch diese Maßnahmen will die Gemeinde prüfen.
