Leer/Bonn - Die Zinsen der Banken sind in Deutschland auf einem historisch niedrigen Niveau. Überall? Nein. Ein Mitarbeiter einer Postbankfiliale in Leer gewährte seinen Kunden offenbar über einen längeren Zeitraum deutlich höhere Zinsen als üblich.

Bei Überprüfungen der Bank flog das unerlaubte System kürzlich auf. Der Mitarbeiter wurde suspendiert. Nach Informationen der „Ostfriesen-Zeitung“ liegt der Schaden im zweistelligen Millionenbereich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Auszahlen will die Bank die hohen Zinsen indes vorerst nicht.

„Das ist ein bislang einmaliger Vorgang“, sagt Postbank-Sprecherin Iris Laduch-Reichelt, über den Vorfall in Leer. Interne Überprüfungen hätten ergeben, dass ein einzelner Mitarbeiter am Standort Leer über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr Kunden Zinserträge für deren Einlagen auf Spar-, Giro- und Festgeldkonten zugesagt habe, die um drei bis vier Prozentpunkte über dem üblichen Zinsniveau der Bank gelegen hätten. „Die Postbank arbeitet bundesweit mit einheitlichen Zinssätzen“, sagte sie.

Wie viele der 300 Stammkundendes des Anlageberaters – sowohl Privat- als auch Firmenkunden – betroffen sind, sei noch unklar. „Auf jeden Fall ist der Mitarbeiter aber mit hoher krimineller Energie vorgegangen“, sagte sie. Die Bank selbst hatte den Mitarbeiter nach Bekanntwerden des Vorfalls angezeigt und suspendiert. Laduch-Reichelt sprach von einem „Vertrauensbruch gegenüber Kunden und Arbeitgeber.“ Wo der Anlageberater das Geld für die höheren Zinsen hergenommen habe und welche Vorteile er sich von den höheren Zinszusagen versprochen habe, sei noch unklar. Die Staatsanwaltschaft in Aurich bestätigte, dass sie bislang nur gegen einen Mitarbeiter wegen des Verdachts auf Betrug ermittle.

Doch auch bei betroffenen Kunden ist der Ärger groß, weil sich die Postbankfiliale weigert, ihnen die Zinserträge auszuzahlen, die ihnen der Anlageberater in Leer zugesagt hatte. „Die in diesem Zusammenhang auf ihrem Girokonto erfolgte Gutschrift wurde in unrechtmäßiger Weise durch einen Nichtberechtigten veranlasst und konnte schon aus diesem Grund keinen Bestand haben“, heißt es etwa in einem Schreiben an die Oskomera GmbH im westfälischen Dorsten zu einer stornierten Gutschrift.


Von einem „Höchstmaß an Erstaunen und Erschrecken“ sprach Oskomera-Geschäftsführer Olaf Graventein im Hinblick auf das Vorgehen der Postbank. In einem Brief an das Institut kritisierte er, dass sich das Institut „wie in einem Selbstbedienungsladen als Bank an unserem Konto bedient habe“. Andere betroffene Kunden drohten sogar schon mit Klagen.

Postbank-Sprecherin Laduch-Reichelt bestätigte, dass die Bank „die unberechtigten Zinsen eingefroren“ habe. Die Bank wolle zunächst die rechtliche Situation klären. Sollte sich dabei ergeben, dass die Zinszusagen des Mitarbeiters rechtsverbindlich seien, werde man die geschuldeten Zinsen auch begleichen.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft