Stadland - Jörg Schwarting und seine Lebensgefährtin Patricia Vos haben allen Grund, stolz auf ihre Arbeit zu sein. Im vergangenen Jahr wurde ihr Milchviehbetrieb in Stadland in der Wesermarsch mit der „Goldenen Olga“ ausgezeichnet. „Das ist ein Preis, mit dem die Nachhaltigkeit gewürdigt wird“, erzählt der 42 Jahre alte Landwirt. Milchqualität, die wirtschaftliche Situation, die Tierhaltungsbedingungen - der Hof mit 130 Kühen schnitt top ab.

Der Familienbetrieb ist ein Vorzeigehof in Niedersachsen. Dennoch kommt derzeit bei Schwarting, der Vater von zwei Kindern im Alter von elf und acht Jahren ist, keine Freude auf. „Im Moment ist es wirklich sehr unbefriedigend, was den Milchpreis anbelangt.“

Seit der zweiten Jahreshälfte 2014 ist der Preis, den die Landwirte von den Molkereien bekommen, auf Talfahrt, sagt Jan Heusmann, Vorsitzender der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen. Jetzt sei der Tiefpunkt erreicht. „Das belastet die Liquidität der Betriebe sehr stark“, sagte er. Es werde für viele Betriebe auch zu Strafzahlungen kommen, weil sie gegen die Ende März ausgelaufene Milchquote verstoßen hätten. „Es ist nicht gelungen, einen gleitenden Ausstieg hinzubekommen.“

Wie viel die Betriebe für den Kilo Milch bekommen, schwanke zwar von Molkerei zu Molkerei, sagt Heusmann. „Wir kriegen zurzeit 29 Cent, aber es ist absehbar, dass das in den nächsten Monaten noch einen Tick runtergehen wird.“ Vor allem der Wegfall des russischen Marktes im vergangenen Jahr habe die Preise kaputtgemacht. „Der Verbrauch wächst zwar jedes Jahr um zwei Prozent, aber im letzten Jahr war es eben so, dass die Produktion weltweit noch stärker gewachsen ist.“

Viele Betriebe könnten derzeit nicht alle Kosten aus ihren Erlösen finanzieren und seien auf Darlehen von der Bank angewiesen, sagt der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehalter, Hans Foldenauer. „Die Milchpreisentwicklung trifft vor allem die Betriebe, die sich weiterentwickelt und investiert haben“, sagt Foldenauer. Tilgung und Zinsen für neue Ställe oder Maschinen bereiteten den Familienbetrieben nun schwere Stunden. Zwar seien die Jahre 2012 und 2013 gut gewesen, aber damit habe man nur die größten Schulden aus dem vorangegangenen Preistief abbezahlen können. „Große Rücklagen konnte man da nicht bilden“, sagt Foldenauer.


Die schwierige wirtschaftliche Situation trifft die Milchbauern in einer Situation, in der die Öffentlichkeit immer kritischer auf die Tierhaltung auf den Bauernhöfen reagiert. Er beteilige sich an einer wissenschaftlichen Systemanalyse, wie die Haltung seiner Tiere verbessert werden könne, sagt Landwirt Schwarting. „Aber der Punkt ist eigentlich: Wir sollen zu Weltmarktpreisen produzieren, und gleichzeitig hohe Standards erfüllen.“ Der Einzelhandel drücke die Preise kräftig nach unten - Anfang Mai seien die Preise um fünf Cent pro Kilo gesunken. „Wir haben im April 14 000 Euro weniger Milchgeld gehabt als im Vorjahr. Das ist für einen Familienbetrieb schon eine ganz schöne Hausnummer.“

Am Montag will die Milchwirtschaft mit dem „Internationalen Tag der Milch“ auf die Bedeutung des Lebensmittels hinweisen. Dazu öffnen Schwarting und Vos ihre Hoftore. Im leeren Kuhstall - die Tiere stehen jetzt auf der Weide - soll es ein Kinderrockkonzert geben. „Wir haben nicht das Problem, die Menschen hier in der Region zu erreichen“, sagt Schwarting. Aber für die Menschen in den Großstädten sei die Wirklichkeit auf den Bauernhöfen doch eher fremd.