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Landwirtschaft 4.0 Bauern schweben auf Datenwolke

Friesoythe - Wenn Ludwig Wreesmann unterwegs ist, hat er sein Büro immer dabei. Ein Blick auf das Smartphone genügt, und der 60-jährige Landwirt aus Friesoythe (Landkreis Cloppenburg) weiß, was auf dem Acker zu tun ist. Seit einem Jahr arbeitet er mit der Software „365Farmnet“. Die App meldet etwa, wie lange seine Maschine für den Schlag braucht oder wenn der Grenzwert für das Düngen überschritten ist.

Auf Wunsch kann Wreesmann die Informationen an Dritte weiterleiten, beispielsweise an Behörden, um die Düngemenge durchzugeben. In Niedersachsen ist das Pflicht, um das Grundwasser nicht durch Überdüngung mit Nitrat zu belasten.

Smart Farming

„Ich sehe zu jeder Zeit, was ich schon gemacht habe oder wenn an Stellen auf dem Acker etwas wächst, was da nicht wachsen soll“, sagt Wreesmann. In diesem Fall könne er einen Berater hinzuziehen und ihm die Daten zeigen, was wiederum bei der Auswertung helfe. Auch die Erntemengen hat er immer im Blick. Am Ende des Jahres werden die gesammelten Informationen für betriebswirtschaftliche Auswertungen genutzt. „Früher habe ich mir alles auf Schmierzetteln notiert“, sagt Wreesmann. Das Büro sei nun viel aufgeräumter.

Auch seine Kollegin vom benachbarten Hof profitiert von der Technik. „Wir arbeiten zusammen und können gegenseitig Informationen austauschen. Zum Beispiel über die ausgebrachte Güllemenge“, sagt er.

Doch die Technik kann noch mehr. Ludwig Wreesmann deutet auf seinen Rechner im Büro. „Ich kann genau sehen, wo meine Maschine langgefahren ist“, sagt er. Mithilfe eines GPS-Signals können vordefinierte Spuren zentimetergenau abgefahren werden, ohne, dass der Fahrer eingreifen muss. Das sei aber jederzeit möglich, etwa, wenn ein Hindernis auftaucht oder um zu wenden. „Ich kann die Spuren jederzeit wieder nutzen“, sagt Wreesmann.


Gespeichert werden die Daten auf einem Server in Deutschland, teilt „365Farmnet“ mit. Man lege großen Wert auf Datenschutz. Im Gegensatz zur lokalen Speicherung auf der eigenen Festplatte seien Informationen so jederzeit und überall abrufbar – aus der sogenannten Cloud – einer Datenwolke. Auf Wunsch kann der Landwirt Werte ergänzen. „Der Schlepper sendet mir Daten, die ich als vorläufige Buchung erhalte. Vorm Speichern kann ich etwa Wetterangaben hinzufügen oder Preise für verbrauchte Mittel“, sagt Wreesmann.

Voraussetzung für ein funktionierendes System ist eine stabile Internetverbindung – das ist insbesondere in ländlichen Regionen oft noch ein Problem. Aber auch hier gehe die Entwicklung voran, erklärte der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, zur Eröffnung der weltweit größten Landtechnikmesse Agritechnica in Hannover im November. „Die Zukunft liegt in der Landwirtschaft 4.0“, sagte er. Auf der Messe wurde deutlich, dass das Thema viele Ausrüster und Softwareschmieden elektrisiert.

Durch das sogenannte „Smart Farming“ würden Prozesse intelligent gesteuert und Ressourcen effizienter genutzt. Das schone die Umwelt und verbessere die Tierhaltung, erklärte Schmidt. Nicht zu vergessen, dass Digitalisierung auch für den Nachwuchs attraktiv sei.

Kleinere und mittlere Familienbetriebe sollten ebenfalls den Sprung in die Landwirtschaft 4.0 schaffen, um von den Effizienzsteigerungen zu profitieren, sagte Schmidt.

Schon jetzt seien die Möglichkeiten vielseitig. Neben selbstfahrenden Landmaschinen nutzen Landwirte etwa Drohnen, um mit ihrer Hilfe die Qualität des Getreides zu ermitteln. Damit es möglichst keine Ausfälle im Produktionsablauf gibt, können Landmaschinen selbstständig einen Termin mit der Werkstatt ausmachen, um etwa Verschleißteile zu erneuern.

Alles im Blick

Im Stall können die Futtermenge und das Gewicht der Tiere überwacht werden. Kühe können entsprechend der Milchqualität in Futtergruppen eingeteilt werden. Mithilfe von Thermometern werden die Temperaturen trächtiger Tiere an den Landwirt übermittelt, damit er rechtzeitig informiert wird, sobald die Geburt ansteht.

Für Ludwig Wreesmann ist klar: „Man muss eine gewisse Affinität zur Technik haben. Mir macht es Spaß, an der Entwicklung teilzuhaben.“ Und: Jeder könne selbst entscheiden, wie viel Vernetzung er zulassen möchte. Eines ist ihm wichtig: „Die App ist eine Hilfe für mich, aber ich möchte mir Entscheidungen nicht abnehmen lassen.“

Sabrina Wendt
Sabrina Wendt Thementeam Wirtschaft
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