Benstrup - Kontroverse Diskussionen um die Zukunft der Landwirtschaft sind am Donnerstag bei der Fachtagung „Stadt und Land – Zukunft (gem)einsam gestalten“ auf dem Hof Thole in Benstrup vor rund 500 Teilnehmern geführt worden. Eine baurechtliche Privilegierung im Außenbereich, ein Ministerium für den ländlichen Raum und ein staatliches Tierschutzlabel: Das forderte Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium.

So unterschiedlich die aufgezeigten Lösungsansätze auch waren, war dennoch eine Gemeinsamkeit zu erkennen: Freunde und Gegner konventioneller oder biologischer Landwirtschaft müssen stärker miteinander ins Gespräch kommen. Nicht jeder Beitrag stieß aber auf ungeteilten Beifall. Besonders wurde dies beim leidenschaftlichen, emotionalen, manchmal plakativen und provokativen Eingangsstatement der Fernsehköchin Sarah Wiener deutlich. Sie forderte die Landwirtschaft auf, sich nicht in einen Konkurrenzkampf mit dem weltweiten Agrarsystem zu begeben. Es könne nicht sein, dass ein Hähnchen weniger als eine Parkplatzstunde in München koste. Unsere Ressourcen seien endlich. In der Gesellschaft, in der Nachbarschaft dürfe der Bauer nicht zum Feind werden, der die Böden mit Nitrat verseuche oder unkontrolliert Pflanzengifte ausbringe. Der Bauer werde nicht gefördert, das Richtige zu tun. Wiener kritisierte, dass der Bauernverband nicht die kleinen Landwirte vertrete.

Dem widersprach Jörn Ehlers, Vizepräsident des Niedersächsischen Landvolks. Die Landwirtschaft sei vielschichtig und vielseitig. Jede Region habe ihr Spezialgebiet, sagte der Verdener. Er wünsche sich weniger Emotionen. „Scheinbar haben wir in der Diskussion zur Landwirtschaft bereits vor Jahren die Fake-News erfunden.“

Staatssekretär Aeikens gab zu bedenken, dass das Leben auf dem Land zwar viele Vorteile biete und es einige prosperierende Regionen gebe. Doch der demografische Wandel mache sich oft in den Strukturen ländlicher Gebiete bemerkbar. Einige ländliche Regionen und deren Menschen fühlten sich nicht mehr mitgenommen. Deshalb forderte er ein Ministerium für den ländlichen Raum. Für die Landwirte pochte Aeikens auf einer rechtlichen Privilegierung von Stallbauten.

Der Agrarökonom Prof. Dr. Harald von Witzke (Berlin) forderte dazu auf, die Flächenerträge zu steigern. „Wir müssen die Welt ernähren.“ Denn die internationalen Rahmenbedingungen hätten sich geändert. Die Nahrungsmittel würden knapp und die Preise stiegen, der Nahrungsmittelbedarf würde sich bis 2050 um 120 Prozent erhöhen.


Buchautor Andreas Möller („Das grüne Gewissen“) hatte einen Spalt zwischen Stadt und Land ausgemacht. Die Gesellschaft sei komplexer geworden. Die Landwirtschaft müsse sich darauf einstellen. Sie müsse Bedingungen schaffen, damit sie der Gesellschaft keine Angriffsflächen biete. Dabei gehe es nicht nur um Rationalität, sondern auf der Gefühlsebene müsse das Vertrauen wiederkommen.

Gabriele Mörixmann (Hilter), die einen Aktiv-Schweinestall betreibt, glaubt, dass bessere Rahmenbedingungen für Tiere nicht zum Nulltarif zu haben seien. Hier sei der Verbraucher gefordert. Sie möchte betrieblich wachsen, „wenn uns der Verbraucher die Möglichkeit gibt“. Der Verbraucher müsse bereit sein, Qualität zu würdigen.

Der Vizepräsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, Ulrich Westrup, sah eine Tendenz, dass Landwirte nur noch für große Handelsketten produzieren. „Das werden wir nicht aufhalten können“, so Westrup. Dem widersprach Landvolk-Vizepräsident Ehlers. „Ich möchte mir meinen Partner aussuchen können.“