BERLIN - Die Oldenburger EWE AG hat am Mittwoch ihr neues Hauptstadtbüro in Berlin eröffnet. Es befindet sich im Haus Pariser Platz 6a. Vorstandsvorsitzender Dr. Werner Brinker betonte, dass der Energieversorger seine Kenntnisse mittels des Berliner Büros noch besser in den politischen Diskurs einbringen wolle. Die Zukunft der Energieversorgung, Versorgungssicherheit aber auch die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien stünden bei der EWE im Vordergrund. Politische Vorgaben in diesem Bereich wolle man „positiv begleiten“.

Am Eröffnungstag wurde das neue Büro intensiv genutzt. So gaben EWE und der Osnabrücker Fahrzeugbauer Karmann eine Kooperation zur Entwicklung von Elektro-Autos bekannt. Sie werden die Einbindung von Elektrofahrzeugen in das Strom- und Telekommunikationsnetz von EWE untersuchen und die Frage prüfen, wie intelligente Steuerungssysteme effizient für ein Batterie- und Netzmanagement genutzt werden können. Das gaben Brinker und Peter Harbig, Sprecher der Karmann-Geschäftsführung, im Beisein von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bekannt. Ziel ist es demnach letztlich, ein alltagstaugliches Elektroauto zu entwickeln, das eine Reichweite von mindestens 100 Kilometern hat. Eine Marktreife wird für frühestens 2013 angestrebt.

Weiteres großes Thema im EWE-Büro: Die Beteiligung an der Leipziger VNG (Anteil zurzeit 47,9 Prozent). Mittags wurde bekannt: Die Stadtwerke Jena werden ihre 1,04 Prozent an VNG nicht – wie bisher geplant – an EWE veräußern, die damit der Mehrheit einen Schritt näher gekommen wäre. Verkünder der Nachricht war Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Er sieht eine „gute Lösung für Ostdeutschland“.

Tiefensee war unter den rund 200 Gästen bei der Eröffnung des Büros. Er informierte EWE-Chef Brinker über die jüngsten Ereignisse bei VNG. 20 Minuten dauerte die Unterredung unter vier Augen. Danach verließ Tiefensee den Ort, ohne die Eröffnungsrede von Brinker abzuwarten.

Der EWE-Chef meinte zum Thema VNG, man habe nach wie vor Interesse an der Übernahme der VNG-Anteile der Stadt Jena. „Wir stehen zu unserem Angebot.“ Der Auflösung des Vertrags über den Erwerb der 1,04 Prozent habe man nur zugestimmt, um langwierige Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden. Andere Anteilseigner hatten geklagt.


Wulff kritisierte scharf die Einflussnahme Tiefensees. Dieser betreibe keine Vermittlung, sondern Parteinahme. „Dass sich die Bundesregierung in Person Tiefensees dazu überhaupt wertend äußert, das missbillige ich.“ Tiefensee baue neue Barrieren zwischen Ost und West, „und das 20 Jahre nach dem Mauerfall“. Es sei aber nicht so, dass die Niedersachsen wie die Horden in Sachsen einfielen.

Brinker betonte sein Interesse an einem geordneten Umgang mit der VNG. Die EWE werde auf jeden Fall an Leipzig als VNG-Sitz festhalten. „Ich bin bereit, eine Standortgarantie zu geben – bis 2030, 2035 oder irgendeinen anderen späteren Termin.“

Vor allem mit Ängsten um den Sitz war im Osten Stimmung gegen eine EWE-Mehrheitsübernahme bei VNG gemacht worden – obwohl EWE stets betonte, am Sitz festzuhalten. In Berlin wurde am Mittwoch auch die Spekulation gestreut, EWE habe im Konflikt um die Jenaer Anteile eingelenkt, um dem Kartellamt entgegenzukommen. Dieses befürchtet beim geplanten Einstieg von EnBW bei EWE marktbeherrschende Verhältnisse im Osten.