BERLIN - Die Nachricht mutete völlig harmlos an: Der Versorger EnBW (Karlsruhe) strebe offenbar eine Zusammenarbeit mit russischem Gasunternehmen an, meldete eine Nachrichtenagentur am 18. Juli. Kaum jemand in Deutschland hatte bis dahin von der Firma Novatek, um die es geht, etwas gehört. Doch die Sache ist von strategischer Bedeutung: Angeführt von Gazprom streben Russlands Gas-Riesen nach Deutschland.
Hintergrund: Das hierzulande eingeläutete Ende der Atomkraft verbessert ihre Chancen erheblich. Deutsche Energieunternehmen, einst vor Kraft strotzend, benötigen auf einmal finanzstarke Partner vom Kaliber Gazprom. Jedoch: Dass die Russen kommen, gilt nicht bei jedem als unproblematisch. Die starke Abhängigkeit speziell vom russischen Gas-Riesen Gazprom droht noch zunehmen.
Die Jubelmeldungen aus Karlsruhe über die Kooperation mit Novatek verdeckten, was eigentlich im Gange ist. Russlands Riese Gazprom breitet sich aus. Die Gazprom-Strategen, die den freiwilligen Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie fassungslos belächeln, rechnen mit einem stark steigenden Gasbedarf der Industrienation im Herzen Europas. Diese Lücke, glauben die Russen, kann einzig und allein Gazprom füllen, schrieb Energieexperte Andreas Wildhagen in der Wirtschaftswoche.
Ganze Lieferkette als Ziel
Was kaum jemand wusste: Bei der eingangs erwähnten Novatek ist Gazprom über eine zypriotische Tochter der größte Einzelaktionär. Novatek sei Teil eines polit-industriellen Komplexes rund um den Staatsgiganten Gazprom, der sich anschickt, schrittweise Deutschlands Energieversorgung zu kapern, hieß es.
Jahrzehnte war den Russen der Zutritt im großen Stil zum deutschen Markt versperrt auch wegen diffuser Ängste um Abhängigkeit und ein kaum kalkulierbares System im Osten. Doch Russland scheint nun endgültig salonfähig, der Weg ist offenbar frei. Das zeigte sich auch beim deutschen-russischen Gipfel.
Das Ziel des russischen Gasriesen Gazprom scheint klar: Man will nicht nur den Rohstoff liefern, sondern die ganze Lieferkette bis zu den Haushalten kontrollieren, so der Moskauer Energieexperte Michail Krutischin in der Wirtschaftswoche. Dort winken lukrative Margen und Marktmacht. Und weil deutsche Versorger nach dem Atomausstieg neue Geschäftsmodelle suchen, wie etwa EnBW beim Kraftwerksbau, stehen auch hier die Chancen gut. Gazprom ist bereits an strategischen Pipelines (Nord Stream/South Stream) und deutschen Firmen wie Wintershall Erdgas oder Wingas beteiligt. Auch eine Gasspeicher-Holding in Wien gehört zum Portfolio.
Ein wichtiger weiterer Meilenstein ist der Gasgroßhändler VNG in Leipzig dort laufen wichtige Fäden für den deutschen Import zusammen. Für Insider ist klar: Gazprom ist dabei, dieses Unternehmen unter Kontrolle zu bringen. Der größte VNG-Aktionär, die Oldenburger EWE (48 Prozent), ist dabei, das Paket an ihren Partner EnBW weiterzureichen. Und der, das gilt als ausgemacht, wird Aktien an Novatek, also indirekt auch Gazprom, weiterreichen. Gazprom hält bereits gut zehn Prozent und hat weitere Verbündete: Der Einfluss wächst.
Kontakt zu RWE
Doch Gazprom-Chef Alexej Miller fährt mehrgleisig. Er verhandelt auch exklusiv mit dem zweitgrößten deutschen Energiekonzern RWE (Essen) über Allianzen. Welcher deutsche Versorger auch immer zum Gazprom-Liebling aufsteigt, schrieb Autor Andreas Wildhagen: Mit der forcierten Expansion stelle sich die alte Frage erneut, ob das große Reich im Osten als Gaslieferant sicher ist und Deutschland sich nicht in eine gefährliche Abhängigkeit begibt.
Schätzungen zufolge dürfte der Anteil russischen Gases am Import in zehn bis 20 Jahren von 34 auf weit über 50 Prozent steigen. Mancher Politiker hat damit aber kein Problem: Ohne Atomkraft sei Deutschland noch mehr an russischen Gaslieferungen interessiert als früher, meint etwa FDP-Wirtschaftssprecher Martin Lindner.
