Berlin - Die Hoffnung von Herstellern, Verleihern und Händlern hängt bei Marcel Hutfilz an einer Wand. Zusammengeklappt, mit zwei Rädern. E-Scooter – also Tretroller mit Elektro-Antrieb – hat der Ladenbesitzer in Berlin schon vor Jahren mit steigender Nachfrage verkauft. Und das, obwohl es hierzulande noch gar keine Zulassung für die kleinen Flitzer auf Straßen und Radwegen gab. Die Bundesregierung hat nun den Weg dafür frei gemacht. Am 15. Juni soll eine Verordnung in Kraft treten. Die Branche wittert das große Geschäft. Wird Deutschland E-Tretroller-Land?

Hutfilz geht von „massiven Wachstumsraten“ im Handel aus. In seinem Geschäft „Scooterhelden Berlin“ stehen auch E-Roller. Doch die kleineren Tretroller werden –da ist sich Hutfilz sicher – diese im Verkauf übertreffen.

Warum es Kunden zum E-Tretroller zieht? „Weil alle Leute sich zurück in ihre Kindheit versetzen.“ Als man früher mit dem Tretroller unterwegs war.

Anders als hierzulande sind in Wien, Kopenhagen und Paris oder amerikanischen Städten E-Tretroller längst unterwegs. Es gibt Verleih-Konzepte wie das Free-Floating-Prinzip. Das bedeutet, dass die Elektro-Tretroller ähnlich wie bei Car-Sharing- oder E-Bike-Konzepten gemietet und überall wieder abgestellt werden können. Eine Reihe von Start-up-Firmen – darunter Lime, Bird, Voi und Tier – konkurrieren.

Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group schätzt das globale Marktpotenzial für E-Scooter im Jahr 2025 auf 40 bis 50 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen 12 bis 15 Milliarden Dollar auf Europa, heißt es in einem Bericht des Unternehmens.


In deutschen Städten stehen Verleiher schon in den Startlöchern. Beispiel Berlin: „Bisher haben acht Anbieter die Absicht erklärt, ihre Flotten anzubieten“, heißt es von der Senatsverwaltung für Verkehr. „Das spricht für ein hohes Interesse.“

Das 2018 gegründete Berliner Start-up Tier etwa will ab Juni in mehreren deutschen Städten E-Tretroller-Sharing anbieten. Welche das sind, verriet die Firma nicht. Sie ist bereits in zehn Ländern aktiv. Das Prinzip sei überall dasselbe: Ein Euro wird fällig, wenn man den E-Tretroller nutzen will und dann kommen für jede weitere Minute 15 Cent obendrauf.

Der Mobilitätsexperte bei der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman, Andreas Nienhaus, geht von einem Umsatzvolumen von 3 Milliarden Euro im Jahr 2020 aus. Vorausgesetzt, die Verordnung ist in Kraft. „Generell ist das ein sehr großes und attraktives Marktpotenzial und es wird in den nächsten Jahren signifikant wachsen“, sagt Nienhaus. Der Großteil der Umsätze werde durch Sharing kommen.

Der Geschäftsführer des Bundesverbands eMobilität, Kurt Sigl, betont: Das Hauptgeschäft werde sich in den Ballungsräumen abspielen. Ein E-Tretroller könne etwa bei Städtetouren oder beim Weg vom Auto-Parkplatz zum Job genutzt werden.

Neben den Verleih-Konzepten wird auch der E-Tretroller im Privatbesitz im Markt eine Rolle spielen. Der Bundesverband Elektrokleinstfahrzeuge schätzt, dass es zu Jahresbeginn in Deutschland 20 000 bis 25 000 Elektro-Tretroller gab. „Wir beobachten aber in den letzten Monaten eine stark wachsende Nachfrage“, heißt es. Eine zweistellige Anzahl von deutschen Herstellern will den Bedarf decken – vom Start-up bis zu BMW.

Joachim Bühler, Geschäftsführer beim TÜV-Verband, sagt: „Elektro-Tretroller haben das Potenzial, sich zu einem der beliebtesten Verkehrsmittel in Städten zu entwickeln.“ Der Markt werde vielfältiger werden: Von einfachen Modellen für private Flächen bis zu hochwertigen E-Scootern mit Bordcomputer, Luftreifen und hochwertiger Beleuchtung.