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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Bahn seit 25 Jahren als Zwitter unterwegs

28.12.2018

Berlin Er nannte sie „die beste Bahn in Europa, wenn nicht sogar auf der Welt“. Zehn Jahre war die Deutsche Bahn AG damals alt, und ihr Vorstandsvorsitzender hieß Hartmut Mehdorn. Nun ist der Konzern 25 Jahre alt, und der Vorstand um Chef Richard Lutz hat gerade eine „Agenda für eine bessere Bahn“ erarbeitet. Denn einiges in dem Unternehmen ist derzeit nicht gut, die Bahn befindet sich im Umbruch, vielleicht sogar in einer Krise.

Das lässt sich an der hohen Zahl der Verspätungen festmachen. Oder an den finanziellen Verlusten der Güterbahn. Zugleich feiert die Bahn allerdings seit Jahren Rekorde bei den Fahrgastzahlen.

Den Grund für die Probleme sehen manche auch in der Bahnreform vor 25 Jahren (unter Heinz Dürr als Chef) und verlangen jetzt eine Reform der Reform, zumindest innerhalb des Unternehmens. „Die Bahn braucht eine Neustrukturierung. Wir erwarten, dass der Vorstand der Bundesregierung bis März ein entsprechendes Konzept vorlegt“, sagte Verkehrsstaatssekretär Enak Ferlemann (CDU). Dann wird der Aufsichtsrat sich mit dem Thema befassen.

Am 1. Januar 1994 wurde die Deutsche Bahn (DB) als Aktiengesellschaft gegründet. Das Datum markierte zugleich den Zusammenschluss von Bundesbahn (West) und Reichsbahn (Ost) gut drei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung.

Beide wurden von ihrer riesigen Schuldenlast befreit und so ein Neuanfang ermöglicht. Seitdem ist die Bahn privatwirtschaftlich organisiert, aber bis heute zu 100 Prozent im Eigentum des Bundes: ein Zwitter, ein Staatskonzern, der profitabel sein soll.

Zwei Jahre später folgte die Regionalisierung des Nahverkehrs. Seit 1996 treten die Länder als Besteller des Verkehrs auf den Regionalstrecken auf, bezahlt wird überwiegend mit Geld, das der Bund zur Verfügung stellt. Die Streckennetze werden in Ausschreibungen vergeben, deshalb sind inzwischen auch eine Vielzahl anderer Bahnbetreiber in den Regionen unterwegs – und der Marktanteil der Bahn AG sinkt ständig. Den Fernverkehr betreibt die DB auf eigene Rechnung. Hier gibt es nur wenig Konkurrenz – aber technische Pannen und Investitionsrückstände.

Vor allem Mehdorn war in seiner Amtszeit von 1999 bis 2009 darauf aus, die DB zu einem internationalen Transportkonzern zu machen. So kamen der Spediteur Schenker und der Logistiker Bax Global zur Bahn. Unter Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube von 2009 bis 2017 kaufte die Bahn den europäischen Bus- und Bahnbetreiber Arriva hinzu.

Die Bahn wurde in der Ära der Aktiengesellschaft nicht nur erweitert, sondern auch umgebaut. Unter dem Dach des Mutterkonzerns wurden 1999 Gesellschaften für Personenverkehr, Fracht, Schienennetz und Bahnhöfe gebildet, das DB-Gründungsgesetz wollte es so. Dadurch seien zersplitterte Zuständigkeiten entstanden, kritisiert etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter und schlägt vor, die Netz-Töchter zu einer einzigen Infrastrukturgesellschaft zusammenzulegen. Schon seit Jahren fordern Grüne und FDP außerdem, Netz- und Transportgeschäft zu trennen, um so für mehr Wettbewerb zu sorgen.

Der aktuelle Vorstand um Bahnchef Lutz schrieb im September seinen Führungskräften, die Geschäftsfelder müssten weitaus enger zusammenarbeiten, es dürfe keine Ressort-Egoismen mehr geben. Von einer Trennung von Netz und Betrieb hält Lutz aber ebenso wenig wie der Vorsitzende der Bahngewerkschaft EVG, Alexander Kirchner. Es gebe in ganz Europa kein Bahnunternehmen, bei dem ein Trennungsmodell funktioniert habe.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will die Konzernstruktur nicht unbedingt ändern: „Wichtiger als das organisatorische Lametta ist die konkrete Verbesserung des Bahnverkehrs. Die Bürger wollen nicht, dass wir über eine quälende Strukturdebatte die wirkliche Aufgabe vergessen, dass die Bahn gute Qualität, Pünktlichkeit und einen guten Service bietet. Dann ist sie wirklich Bürgerbahn.“ Bahnchef Lutz weist darauf hin, dass die DB seit 1994 vor allem drei Ziele habe: „Mehr Verkehr auf die Schiene bringen, Umwelt und Klima schützen sowie dabei wirtschaftlich erfolgreich sein.“ Seine Bilanz zum 25. Jubiläum: „2017 waren die Verkehrsleistungen, die auf dem Netz der DB erbracht worden sind, im Personenverkehr um 40 Prozent und im Güterverkehr um 80 Prozent höher als 1994.“

Dass eine Welle der Kritik gerade jetzt, 25 Jahre nach der Bahnreform von der alten Behörde zur AG über Lutz und seinen Vorstand hereinbricht, hat paradoxerweise etwas mit der gewachsenen Beliebtheit der Bahn zu tun. Denn das Gedrängel in vollen Zügen ist eine Folge der steigenden Passagierzahl, auf die die Bahn nicht angemessen reagieren kann, weil ihr Fahrzeuge, Schienenwege und Personal für mehr Fahrten fehlen. Die dagegen beschlossenen und geplanten Milliardeninvestitionen wirken nur langsam.

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