BERLIN/WILHELMSHAVEN/AURICH - Die deutsche Windenergie-Branche steht am Scheideweg. Während der Export das Geschäft mit Windanlagen in neue Höhen treibt, bricht der Inlandsmarkt ein. Dadurch könnten die deutschen Klimaziele in Gefahr geraten.
Die deutsche Wertschöpfung an allen weltweit produzierten Anlagen und Komponenten betrug 2006 5,6 Milliarden Euro, gab das Deutsche Windenergie-Institut (DEWI, Wilhelmshaven) am Mittwoch in Berlin bekannt. Ein Wachstum von 40 Prozent gegenüber 2005. Am weltweiten Gesamtumsatz von 15,4 Milliarden Euro hatten damit deutsche Hersteller und Zulieferer einen Anteil von 37 Prozent. Die Exportquote stieg von 71 Prozent (2005) auf 74 Prozent an. Zusammen mit den Bereichen Installation, Betrieb und Service erwirtschaftete die Windbranche laut DEWI sogar 7,2 Milliarden Euro mit insgesamt rund 73 800 Mitarbeitern.
Für Thorsten Herdan vom Verband Deutscher Anlagen- und Maschinenbau (VDMA) belegen diese Zahlen die unangefochtene Weltmarktführerschaft Deutschlands. „Ohne einen stabilen Inlandsmarkt können wir aber unseren Weltmarktanteil nicht halten.“ Nur eine gute Entwicklung im Inland sichere den Technologievorsprung. Herdan: „Es ist bitter nötig, dass endlich der Offshore-Markt anspringt.“
Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE), bezeichnete den Inlandsmarkt für 2006 als „noch akzeptabel“. Für die Zukunft erwartet er „große Probleme“. So wurden im ersten Halbjahr 2007 nur 347 neue Anlagen mit insgesamt 665 Megawatt Leistung installiert, 25 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2006. Für das gesamte Jahr rechne die Branche mit einen Rückgang um 20 Prozent.
Beklagt werden Verzögerungen bei der Entwicklung von Offshore-Windparks sowie die im Vergleich zu früher komplizierteren Genehmigungsverfahren. Insbesondere der Ersatz alter Windmühlen durch neue, leistungsfähigere Anlagen, das so genannte Repowering, werde gehemmt. „Schärfere Abstands- und Höhenregelungen entwerten den bereits erreichten technischen Fortschritt“, beklagte Albers. Klimaziele seien so schwer einzuhalten. Bis 2020 will die Branche eigentlich 25 Prozent des Strombedarfs in Deutschland durch Windenergie decken.
Namhafte Hersteller wie General Electric (ehemals Tacke/Enron) aus Salzbergen (Emsland) sowie die dänische Vestas, die u.a. in Osnabrück produziert, sind nach Angaben des DEWI auf dem Rückzug aus dem schwierigen deutschen Markt. Kurzfristiger Nutznießer ist Enercon. Die Auricher haben laut DEWI an der im ersten Halbjahr 2007 neu installierten Leistung einen Anteil von 56,5 Prozent (1. Halbjahr 2006: 31,1 Prozent).
In Deutschland sind 19 024 Windkraftanlagen mit 21,3 Gigawatt Leistung installiert (Stand 30. Juni). Sie decken 6,9 Prozent des Stromverbrauchs. Windkraftland Nummer eins bleibt Niedersachsen (4808 Anlagen/5438 Megawatt).
