BERLIN - Es soll keiner behaupten, dass Ökonomen Krisen nicht vorhersagen könnten. Die Einführung des Euro sei ein „großer Fehler“, sagte Milton Friedman schon 2001 in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Nach der Währungsumstellung werde eine Reihe europäische Volkswirtschaften in Turbulenzen geraten, prophezeite der US-Amerikaner, der neben dem Briten John Maynard Keynes als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts gilt. An diesem Dienstag wäre Friedman, der gleichermaßen angefeindet wie gefeiert wurde, 100 Jahre alt geworden.
Der Einfluss seiner monetaristischen Lehre auf die Geldpolitik hat zwar nachgelassen. In der Debatte um mehr Markt oder mehr Staat haben sich seine Ideen aber verewigt – auch sechs Jahre seinem Tod – und 36 Jahre nach dem Gewinn des Nobelpreises.
Friedmans bleibende Rolle ist die des großen Gegenspielers, der der bis in die 70er Jahre in Amerika und Deutschland wirksamen „keynesianischen Revolution“ einen Kon-trapunkt entgegensetzte. Keynes gilt als Stammvater der Idee, dass der Staat vor allem in Schwächephasen gefragt ist, um die Wirtschaft anzukurbeln, notfalls auch mit Schulden, der Notenpresse und auf Kosten höherer Inflation.
„Was wir dringend brauchen, um ökonomische Stabilität und Wirtschaftswachstum zu erreichen, ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses“, war dagegen das Credo Friedmans. Er brachte die Idee des „freien Marktes“ wieder zurück in die Debatte – und in die praktische Politik: Er gilt als Pate von „Reagonomics“ und „Thatcherism“, die am Ende der 70er Jahre eine rigide Rückkehr zu marktliberaler Politik versprachen. Etliche Folgen sind bis heute sichtbar: Ob es um Privatisierung von Staatsbetrieben geht, um Freihandel, Marktlöhne oder um Deregulierung, „die Welt hat sich weit in Friedmans Richtung bewegt“, sagt Nobelpreisträger Paul Krugman.
„Auf lange Sicht erinnert man sich an große Männer wegen ihrer Stärken, nicht wegen ihrer Schwächen, und Milton Friedman war in der Tat ein sehr großer Mann“, lautet Krugmans Würdigung kurz bevor die Lehman-Pleite 2008 die Weltwirtschaft ins Wanken brachte. Der „Friedmanismus“ sei aber übers Ziel hinaus geschossen. „Als Friedman seine Karriere als öffentlich wirksamer Intellektueller startete, war die Zeit reif für eine Konterreformation gegen den Keynesianismus. Was die Welt jetzt braucht, ist eine Konter-Konterreformation“.
