Bösel - Der erste Gang ging immer auf die Schweinewaage. Als Brigitte Thalke im Sommer 1957 das erste Mal aus Berlin nach Bösel kam, wunderte sie sich ein bisschen über diesen komischen Empfang. Die damals Zwölfjährige kam als Ferienkind auf den Hof der Familie Nording an der Fladderburger Straße. Im Rahmen der Kinderverschickung kam das Berliner Mädchen, wie viele andere Berliner in der Nachkriegszeit, aufs Land. „Wir sind mit dem Zug bis nach Vechta gefahren, da holte uns der Pastor dann ab und brachte uns nach Bösel“, erzählt die heute 68-Jährige. Dort wurde sie dann mit dem Fahrrad von den Nordings abgeholt. Der Gang auf die Waage sollte dokumentieren, ob sie in den sechs Wochen Ferien zu- oder abgenommen hatte. „Ich war damals kein guter Esser“, erinnert sie sich. In Bösel wurde das anders. „Ich hab viel gegessen, denn es schmeckte alles so gut hier“, erzählt sie.
Mit ihren Gasteltern Elisabeth und Alwin Nording hat sie sich auf Anhieb gut verstanden. „Die lief mit den anderen Kindern mit“, sagt Elisabeth Nording. „Die beiden sind zu meinen Pflegeeltern geworden“, ergänzt Brigitte. Das junge Mädchen wurde zum Familienmitglied. „Als ich das erste Mal in Bösel war, wurde gerade die älteste Tochter Hannelore geboren“, erzählt Thalke. Die Zwölfjährige kümmerte sich in ihrer Zeit auf dem Land um das Baby, fuhr mit dem Fahrrad aufs Feld und feierte Schützen- und Familienfeste. „Ich hab das hier immer sehr genossen“, erinnert sie sich.
Bis zu ihrem 17. Lebensjahr kam das Berliner Mädchen nach Bösel. „Das lief dann schon gar nicht mehr über die Verschickung“, erzählt sie. Sie habe sich einfach in den sechs Wochen sehr wohl in Bösel gefühlt. „Ich hatte sogar mal einen Freund hier“, verrät sie. Ein Leben in Bösel kam für sie dann aber doch nicht in Frage, denn ihn zukünftiger Ehemann Gerd kam aus Berlin. „Als ich sie kennenlernte, erzählte sie mir von ihrer Zeit in Bösel und dann sind wird direkt mit ihren Eltern wieder dahin gefahren“, erzählt Gerd Thalke.
Daraus entstand eine jahrzehntelange Freundschaft. Auch Alwin und Elisabeth Nording besuchten ihr „Ziehkind“ in Berlin. Einen Besuch werden die beiden nie mehr vergessen. „Wir wollten eigentlich zum 80. Geburtstag von Brigittes Vater, am 11. November 1989“, erzählt Alwin Nording. Die beiden hatten geplant, einige Tage vorher nach Berlin zu reisen. Als Alwin Nording dann am 8. November 1989 die Tagesthemen verfolgte, traute er seinen Auge nicht. Die Mauer war gefallen. Trotzdem fuhren die beiden los. „Am Grenzübergang Helmstedt kamen uns schon die ersten Züge mit fröhlich winkenden Menschen entgegen“, erinnert sich Elisabeth. Zusammen mit dem Ferienkind von damals erkundeten die Böseler dann die in Feierlaune versunkene Hauptstadt Berlin. „Uns war damals gar nicht klar, was für ein großer Moment das ist“, sagt Elisabeth Nording.
Das jüngste Treffen der beiden Familien kam dann besonders für Elisabeth überraschend. Denn Gerd und Brigitte standen an ihrem 83. Geburtstag einfach vor der Tür. Bescheid gegeben hatten sie nur Schwiegertochter Sonja. Einige Tage blieb der Besuch aus Berlin. Auf die Schweinewaage muss Brigitte heute allerdings bei ihrer Abfahrt nicht mehr.
