Nordenham - Überflutete Straßen bei Wolkenbrüchen sind nicht nur in tropischen Monsunregionen, sondern mittlerweile auch in Nordenham keine seltene Erscheinung. Vor allem bei heftigen Sommergewittern kommt es immer wieder vor, dass die Kanalisation überfordert ist und großflächige Überschwemmungen auftreten. Horst Wilkens, der im Amt für Baumanagement für die Stadtentwässerung zuständig ist, kennt das Problem zur Genüge. Er kann es auch erklären: „Wir haben immer mehr Gewitter, die kurz, aber sehr heftig sind.“ Dieses unheilvolle Zeit/Mengen-Verhältnis bei Regenfällen macht der Stadt Nordenham zunehmend zu schaffen. Daher feilen Horst Wilkens und seine Kollegen jetzt an einem Abwasserkonzept, das die Leistungsfähigkeit des Kanalnetzes stabilisieren und erhöhen soll.
Die schlimmsten Überflutungen durch Niederschläge, an die Horst Wilkens und der stellvertretende Klärwerk-Betriebsleiter Claus Wittbecker sich erinnern können, gab es am 9. September 2001. Nach tagelangen Regenfällen herrschte besonders in Friedrich-August-Hütte Land unter. Was hat die Stadt Nordenham seitdem unternommen, um die Überschwemmungsgefahr zu verringern? „Wir haben einige Kanäle saniert“, sagt Horst Wilkens, „aber das reicht noch nicht.“
Bestandsaufnahme
Im Zuge des neuen Abwasserkonzepts soll eine umfassende Bestandsaufnahme erstellt werden, die Aufschluss über die dringendsten Reparatur- und Ausbaumaßnahmen gibt. Dabei geht es auch um die Frage, welche Investitionen erforderlich sind, um das 1974 errichtete und 1994 zuletzt modernisierte Klärwerk an der Flagbalger Straße technisch auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen.
Im gesamten Stadtgebiet werden nach und nach alle unterirdischen Abwasserleitungen sowie die Grundstücksanschlüsse auf Beschädigungen überprüft. In Esenshamm und Abbehausen sind die Untersuchungen bereits abgeschlossen. Als nächster Stadtteil ist ab diesen Herbst Phiesewarden an der Reihe.
Im Zusammenhang mit den Kanalüberprüfungen lässt die Stadt auch die Abdeckungen der Übergangsschächte freilegen und austauschen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Schächte auf den Privatgrundstücken jederzeit zugänglich sind und bei Bedarf durchgespült werden können. Die Kosten für die neuen Deckel trägt die Stadt.
Laut Horst Wilkens ist davon auszugehen, dass 30 Prozent der Kanäle beschädigt sind. „Das ist bundesweiter Durchschnitt“, sagt er. Alle Reparaturen am öffentlichen Kanalnetz werden über die von jedem Grundeigentümer aufzubringenden Abwassergebühren finanziert. Da in den nächsten Jahren allerhand Ausgaben für die Runderneuerung der Stadtentwässerung notwendig sind, müssen die Bürger mit Gebührenerhöhungen rechnen. „Wir wollen nach und nach sanieren“, sagt Horst Wilkens, „damit nicht auf einen Schlag hohe Kosten entstehen.“
In Nordenham beträgt die Gesamtlänge der städtischen Abwasserkanäle rund 220 Kilometer. Der Anteil der Mischkanäle, die Regen- und Hausabwasser gemeinsam ableiten, beläuft sich auf 50 Kilometer.
Einige Tonleitungen stammen noch aus der Zeit um 1890, als im Bereich Müllerstraße/Wilhelmstraße/Ludwigstraße die ersten Abwasserrohre verlegt wurden. Flächendeckend begann die Kanalisierung in Nordenham um 1930. Die ersten Pumpwerke entstanden in den 1950er Jahren am Union-Pier, in Schäfers Loch und in Nachbarschaft der Norddeutschen Seekabelwerke. Heute verfügt die Stadt Nordenham über mehr als 50 Pumpstationen, die Abwasser zum Klärwerk befördern.
Notfalls in die Weser
Der Zulauf der Kläranlage ist auf 750 Kubikmeter pro Stunde begrenzt. Bei normalen Wetterbedingungen stellt das kein Problem dar. Aber bei Starkregen können die Kapazitäten schnell überschritten werden. Dann fließt das überschüssige Wasser in eines der vier Rückhaltebecken ab. Wenn die auch gefüllt sind, tritt der Notplan in Kraft: Das – mittlerweile stark verdünnte – Mischwasser wird in die Weser abgeleitet. „Das kommt etwa 20-mal im Jahr vor“, sagt Claus Wittbecker.
