Oldenburg - So mancher EWE-Kunde hatte sicherlich auf Entlastung bei den Kosten für Strom und Gas gehofft. Vor wenigen Tagen machte der Oldenburger Versorger jedoch klar, dass es keine Preissenkung geben werde. EWE werde die Preise „bis auf weiteres stabil halten“, teilte ein Sprecher mit. Fragen und Antworten zur Preisentwicklung am Energiemarkt.

Wie begründet EWE den Verzicht auf Senkungen?

Der Versorger verweist vor allem darauf, dass die Netzentgelte bei Strom und Gas zum Jahreswechsel kräftig gestiegen seien. Auf diese habe man keinen Einfluss bei EWE, da diese von der Bundesnetzagentur reguliert würden, sagte ein Sprecher. Trotz gesunkener Bezugspreise gebe es unterm Strich deshalb keinen Spielraum für Preissenkungen.

Was sagen Kritiker zu dieser Argumentation?

Als „nicht nachvollziehbar“ bezeichnet Dieter Baumann, Chef der Leeraner CDU-Kreistagsfraktion und langjähriges Mitglied der EWE-Verbandsversammlung, die Begründung der EWE. Aus Sicht der CDU-Fraktion gebe es durchaus Spielraum für deutliche Preissenkungen. Er könne sich nicht vorstellen, dass die gesunkenen Bezugspreise für Strom und Gas durch gestiegene Netzentgelte überkompensiert würden. Zudem gehe er davon aus, dass noch immer ein erheblicher Teil der EWE-Verträge für den Gaseinkauf an den Ölpreis gekoppelt ist. Und dieser ist seit dem Sommer 2014 um mehr als die Hälfte eingebrochen.


Ist der Gaspreis noch an den Ölpreis gekoppelt?

Nein. Die Kopplung des Gaspreises an den Ölpreis stammt aus den 1960er-Jahren, wobei die Ölpreisbindung nie gesetzlich festgeschrieben war, sondern eine rein privatwirtschaftliche Vereinbarung war. Im Jahr 2010 kippte der Bundesgerichtshof (BGH) die Ölpreisbindung bei Verträgen zwischen Privatkunden und Energieversorgern. Zwar verboten die Richter nicht grundsätzlich eine Kopplung der Gas- an die Ölpreise. Die Entwicklung beim Öl dürfe aber nicht alleinige Grundlage für Preisanpassungen sein. Keine Folgen hat Urteil für die langfristigen internationalen Verträge zwischen Gasexporteuren und Energiekonzernen. Bei vielen Versorgern, so auch bei EWE, heißt es mittlerweile dennoch, dass es heute „praktisch keine Ölpreisbindung mehr“ gebe. Der Gasmarkt funktioniere „zunehmend eigenständig“, wie ein EWE-Sprecher sagte.

Wie war die Entwicklung an den Strombörsen?

An Strombörsen wie der EEX in Leipzig sind die Preise 2014 deutlich gefallen. Nach einer Analyse des Instituts IWR (Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien) kostete am Spotmarkt auf Jahressicht eine Kilowattstunde Grundlaststrom 3,28 Cent. Das sind 13,2 Prozent weniger als im Vorjahr (3,78 Cent). Am Terminmarkt, an dem Strom schon heute für Lieferjahre in der Zukunft gehandelt wird, war der Trend ähnlich. Zur Lieferung im Jahr 2016 kostete hier am letzten Handelstag Ende Dezember eine Kilowattstunde 3,3 Cent.

Allerdings hat die Preisentwicklung an den Strombörsen nur eine sehr begrenzte Aussagekraft für die Endkundenpreise. Zum einen wir nur ein geringer Anteil des in Deutschland verbrauchten Stroms dort gehandelt. Der Großteil stammt aus direkten Lieferverträgen und Eigenerzeugung der Energiekonzerne. Zum anderen macht der Energieeinkauf nur einen Teil des Endkundenpreises aus.

Welchen Einfluss haben Versorger auf die Preise?

Wegen der vielen staatlichen Gebühren, Entgelte und Steuern hat dieser in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Beim Strom liegt der von EWE beeinflussbare Kostenfaktor (Energieeinkauf und Vertrieb) nach Unternehmensangaben aktuell noch bei 28,4 Prozent. 2014 lag der Anteil demnach bei 28,8 Prozent, 2013 bei 29,8 Prozent. Etwas größer ist der beeinflussbare Kostenfaktor der Versorger beim Erdgas, jedoch wird er wegen steigender staatlicher Entgelte, Abgaben und Steuern auch hier von Jahr zu Jahr kleiner. Bei EWE liegt der Anteil nach eigenen Angaben 2015 bei 56,9 Prozent, im Vorjahr waren es demnach 58,6 Prozent und 2013 noch 59,7 Prozent.

Wie haben sich staatliche Abgaben entwickelt?

Unterschiedlich. Während beim Strom vor allem die Offshore-Umlage (um 0,301 Cent/Kilowattstunde) und in geringerem Umfang auch die EEG-Umlage (um 0,07 Cent/Kilowattstunde) und die Abschaltbare-Lasten-Umlage (um 0,003 Cent/Kilowattstunde) für das Jahr 2015 gesunken sind, stiegen die Industrie-Umlage (um 0,145 Cent/Kilowattstunde) und die Umlage nach dem Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz (um 0,076 Cent/Kilowattstunde) an. Besonders stark zogen im Netzgebiet von EWE die Netzengelte an. Sie stiegen (bei einem Durchschnittskunden mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) laut EWE – im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich – um 0,40 Cent je Kilowattstunde. Unterm Strich standen nach Angaben des Versorgers bedingt durch Entgelte und Umlagen Kostensteigerungen von netto 0,247 Cent je Kilowattstunde für das Jahr 2015.

Beim Erdgas änderten sich nur die Netznutzungsentgelte. Sie stiegen im EWE-Gebiet nach Angaben des Versorgers (für den spezifischen Abnahmefall von 20 000 kWh Erdgas pro Jahr) von 1,04 Cent/kWh (Stand 1.1.2014) auf 1,17 Cent/kWh (Stand 1.1.2015).

Wie haben andere Versorger reagiert?

Nach einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox (Heidelberg) hat im Jahresvergleich etwas mehr als jeder dritte Energieversorger (350 von 840 Anbietern) seinen Strompreis gesenkt – im Schnitt um 2,4 Prozent. Bei einer vierköpfigen Familie entspreche dies etwa 30 bis 35 Euro Ersparnis pro Jahr. Gleichzeitig hätten 141 Versorger ihre Tarife erhöht – im Schnitt um 3,8 Prozent. Zusammengefasst bleibe eine Mini-Entlastung von 0,4 Prozent oder umgerechnet 5 Euro pro Haushalt. „Von einer wirklichen Entlastung kann keine Rede sein“, sagte Jan Lengerke, Mitglied der Geschäftsleitung bei Verivox. Beim Erdgas ermittelte das Vergleichsportal im Jahresvergleich einen durchschnittlichen Preisrückgang von 1,3 Prozent.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft