Es gibt das Bundesverdienstkreuz. Und es gibt Christine Bergmann. Die Leistung der Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ist nicht mit den Maßstäben zu messen, für die der Staat verdiente Bürger im Regelfall auszeichnet. Christine Bergmann hat geholfen, ein Tabu zu brechen, Tausende von Opfern ermutigt, ihre schrecklichen Erlebnisse, ihre seelischen und psychischen Qualen erstmals zu offenbaren. Wer hätte diesen Dammbruch mit mehr als 15 000 Anrufen und Briefen erwartet? Was teils jahrzehntelang verschwiegen oder verdrängt wurde, durfte endlich raus. Wie eine Befreiung. Christine Bergmann hat den Menschen Mut gemacht. Dafür ist ihr die ganze Gesellschaft zu Dank verpflichtet.

Doch mit der ersten Abschlussbilanz zum Kindesmissbrauch kann die Arbeit nicht enden – auch wenn der Auftrag nur bis zum Herbst diesen Jahres erteilt wurde. Das Thema darf nicht mit der Präsentation erster Ergebnisse zu den Akten gelegt werden. Der Aufarbeitungsprozess muss weitergehen, ein dauerhafter sein.

Das gilt auch für die Debatte um die Entschädigungsfrage. Geld lindert nicht die Scham und den Schmerz für erlittenes Unrecht. Aber die Zahlung signalisiert das Eingeständnis von Schuld. Und das zählt für viele Opfer oftmals weit mehr. Zu einem einheitlichen Entschädigungssatz zu kommen, unabhängig davon, ob Kinder in der Familie, im Umfeld oder in Institutionen missbraucht wurden, gehört zum Selbstverständlichen. Darüber hinaus bedarf es eines Netzes von Hilfestellen, die Missbrauchte auffangen und betreuen – wenn gewünscht.

Wie weit Verjährungsfristen verlängert werden, darüber wird der Gesetzgeber noch befinden müssen. Das Erlittene begleitet die Betroffenen auch ein Leben lang.

Doch so sehr jetzt der Fokus auf vergangene Taten gerichtet sein mag, mindestens so wichtig wird für die Zukunft die Präventionsarbeit für einen umfassenden Kinder- und Jugendschutz. An guten Ansätzen mangelt es nicht. Die Politik muss endlich vorbildliche Präventionsarbeit überall durchsetzen – auf allen Ebenen, mit gleichen Standards und mit gleichem Engagement. Kinderschutz ist nicht die Aufgabe von Spezialisten, sondern von uns allen.