FRAGE:
„Wie retten wir unsere Söhne“, fragen Sie – was ist denn mit den Töchtern?PFEIFFER
: Denen geht es so gut wie nie zuvor. Auch Mädchen bekommen gelegentlich Probleme – aber im Vergleich zu den Jungen ist das vernachlässigbar. Seit 1990 hat sich der Leistungsunterschied zwischen beiden Geschlechtern ständig vergrößert. Besonders auffällig wird der Abstand in den Schulen.FRAGE:
Können Sie die Entwicklung in wenigen Sätzen erklären?PFEIFFER
: Jungen sind massiv verunsichert dadurch, dass die Mädchen immer stärker werden. Viele flüchten sich in Computerspiele, wo sie noch die klassische Männerrolle ausleben können. Aber das ist natürlich ein Irrweg, weil die Realität komplett anders ist. Bei acht Prozent der Jungen hat das Computerspielen suchtartige Züge, dagegen bei nur 0,8 Prozent der Mädchen.FRAGE:
Und darin liegt die Hauptursache für die von Ihnen konstatierte Leistungskrise der Jungen?PFEIFFER
: Die ist am Computer sozusagen mit den Händen zu greifen. Die Konzentrationsfähigkeit schwindet, die Jungen sind im sozialen Bereich blockiert, permanentes Spielen am PC fördert allgemein die negative Entwicklung.Mädchen chatten und facebooken viel – aber bei ihnen ist das weitaus weniger gefährlich. Sie lösen sich auch leichter wieder vom PC.
FRAGE:
Wo Elternhäuser und Schulen nicht weiterkommen, sollen Bürgerstiftungen einspringen, sagen Sie. Wie können die helfen?PFEIFFER
: Bürgerstiftungen können dazu beitragen, bei den Jungen die Leidenschaft für reale Lebenswelten zu wecken: Wir brauchen für Jungen mehr Angebote aus den Bereichen Theater, Sport, Musik oder Lesen. Das muss schon bei den ganz Kleinen anfangen. Das ist eine Schutzimpfung gegen die Gefahren von Computerspielen und Internet.FRAGE:
Sie haben in jüngster Zeit viele Bürgerstiftungen besucht. Raten Sie allen das Gleiche – oder machen Sie Unterschiede, wenn Sie in der Stadt und auf dem Land sind?PFEIFFER
: Da gibt es natürlich Unterschiede. In ländlichen Gebieten sind gesellschaftliche und familiäre Strukturen besser überschaubar. Aber täuschen Sie sich nicht: Mancherorts in ländlichen Gebieten ist die Medienverwahrlosung noch ausgeprägter als in der Großstadt.Denn in den Städten haben die Jugendlichen mehr Optionen, etwa auf kultureller Ebene. Sich ein soziales Netzwerk zu organisieren, kann auf dem Lande anstrengender sein. Das größte Problem mit leistungsschwachen Jungen haben wir in ländlichen Regionen Ostdeutschlands.
FRAGE:
Also keine heile Welt auf dem Lande . . .PFEIFFER
: Gerade was die Nachmittagsgestaltung von Kindern angeht, ist auf dem Land oft tote Hose. Wir werden demnächst 10 000 Jugendliche in Niedersachsen zu ihrem Freizeitverhalten befragen, um die regionalen Unterschiede herauszufinden.Meine Prognose ist: Nicht die Städte, sondern die ländlichen Regionen werden eher die Problemzonen sein.
