Bissendorf - Der kleine Ort Wissingen bei Osnabrück macht derzeit mit einem Eisenbahn-Schildbürgerstreich von sich reden: Fahrgäste der Eurobahn dürfen dort nur mit einem Hocker den Zug verlassen oder einsteigen. Das Bahnunternehmen setzt auf der Strecke RB 61 von Bielefeld ins niederländische Hengelo neue Züge des Typs „Flirt“ ein, bei denen das Eisenbahn-Bundesamt eine Bahnsteighöhe von mindestens 38 Zentimentern verlangt. Die Bahnsteighöhe in Wissingen betrage aber lediglich 26 Zentimeter, sagte die Sprecherin des Eurobahn-Mutterunternehmens Keolis, Nicole Pizzuti, auf Anfrage. Daher setze das Unternehmen auf eine „mobile Bahnsteigerhöhung“.
Unerwartete Beschränkung für Eurobahn
Für das Unternehmen sei die Beschränkung „unerwartet“ gekommen, und der Hintergrund sei noch nicht aufgeklärt. Andere Fahrzeuge seien 2016 nach dem gleichen Verfahren zugelassen worden und hätten eine solche Festlegung nicht erhalten. Keolis bemühe sich, doch noch eine Genehmigung vom Eisenbahnbundesamt für einen Halt an niedrigeren Bahnsteigen zu bekommen.
Gleichzeitig verweist das Düsseldorfer Unternehmen auf den Eigentümer des Bahnhofs, die DB Station & Service AG: „Eine nachhaltige Lösung wäre, dass Bahnsteige bauliche Anpassungen erhalten, da grundsätzlich die Neufahrzeuge alle heute gültigen Vorgaben erfüllen.“ Die neuen Züge rollen seit dem 26. Februar auf der Strecke.
Die Bahn versichert, mit allen Beteiligten an einer Lösung des Problems mitzuarbeiten. „Ursächlich ist jedoch der Einsatz von nicht zugelassenen Zügen für die allen bekannte Bahnsteighöhe“, spielt die Bahn-Pressestelle in Hamburg den Ball zurück zu Keolis.
Im Vorfeld Informationen einholen
Aus Sicht des Eisenbahn-Bundesamtes hätte Keolis sich vor dem Einsatz des neuen Fahrzeugs über die Bahnsteighöhen auf der Strecke informieren müssen, sagt Behördensprecher Moritz Huckebrink. Je nach Einsatzregion werden ihm zufolge Triebzüge auch mit aus- und einfahrbaren Trittstufen entwickelt. „Der Einsatz von mobilen Bahnsteigerhöhungen ist also keine Entscheidung der behördlichen Fahrzeugzulassung, sondern es ist eine betriebliche Maßnahme des Unternehmens.“
Für den Bürgermeister der Gemeinde Bissendorf, zu der Wissingen gehört, ist der Fall ein „bürokratischer Irrsinn“: „Das ist ein Beispiel für eine zum Teil überbordende Gründlichkeit, die uns irgendwann zum Entgleisen bringt“, sagte Guido Halfter am Donnerstag. Wenn er könnte, wie er wollte, würde er einfach seine Bauhof-Arbeiter anweisen, eine kleine Rampe auf dem Bahnsteig zu bauen. „Das darf ich aber nicht, der Bahnhof gehört ja nicht der Gemeinde.“ Wahrscheinlich müsse aber auch diese Rampe erst vom Eisenbahn-Bundesamt genehmigt sein, meinte der parteilose Politiker sarkastisch.
Durch das Fenster
Der Fall in Wissingen ist nicht das erste Mal, dass es in Niedersachsen Ärger um die Höhe von Bahnsteigen gibt. Vor anderthalb Jahren sorgte der Bahnhof in Bad Bentheim für Aufmerksamkeit: Dort hatte die Bahn die Bahnsteige um 40 Zentimeter erhöhen lassen, wodurch sich die Türen zur Bahnhofshalle nicht mehr nutzen ließen. Um einen Umweg zu sparen, kletterten viele Bahngäste daraufhin durch ein Fenster.
