Oldenburg/Leer - Der Blick der Oldenburger Baudezernentin richtet sich auf das ostfriesische Leer. Und es ist nicht nur die schnuckelige und mit viel Liebe zum Detail sanierte Altstadt, die es ihr angetan hat. Vielmehr hat Leer bei der Entwicklung eines heruntergekommenen ehemaligen Industriegebiets zu einem angesagten und modernen Wohnquartier Maßstäbe gesetzt. Leer könnte damit Vorbild für Oldenburg sein, wo auf der Südseite des ehemaligen Stadthafens die Doktorsklappe und das Areal von Rhein-Umschlag nach dessen Umzug an den Osthafen städtebaulich für Wohnzwecke erschlossen werden soll.
Lage vergleichbar
Die Lage ist durchaus vergleichbar: Im Zentrum von Leer, direkt am Freizeithafen, auf der so genannten Nesse-Halbinsel, ist im Lauf der vergangenen 13 Jahre ein attraktives, modernes, gemischt genutztes Stadtquartier entstanden. Den Beschluss dafür fasste der Rat der Stadt Leer in seiner Sitzung am 2. Juli 2003, teilte die Leeraner Stadtsprecherin Grit Fokken auf Nachfrage der NWZ mit. Damit wurden die städtebaulichen Rahmenbedingungen für die Umstrukturierung des ehemals industriell, bzw. gewerblich genutzten Geländes zum Mischgebiet geschaffen. Es wurden die Weichen für eine Entwicklung gestellt, die auch weithin sichtbar aus der einst verträumten eine aufstrebende Kreisstadt machte.
Leer wirkt heute mit seinen modernen Wohn- und Geschäftsbauten Mehrfamilienhäusern an dieser Stelle großstädtisch. Die Boote einiger Bewohner der Häuser auf der Nesse, die zwischen dem Industrie- und Handels-/Freizeithafen liegt, können direkt in eigens dafür angelegten Becken festmachen – quasi vor ihrer Haustür.
Maritime Promenade
Das auf der Grundlage des Masterplanes verfolgte städtebauliche Konzept wurde aus der mehrheitlich favorisierten Planungsvariante „Maritime Promenade“ entwickelt. Dann wurden erste Sondierungsgespräche mit dem Niedersächsischen Wirtschaftsministerium für die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Fördermitteln geführt.
Im Mai 2004 wurden die Bauleistungen Uferpromenade Ernst-Reuter-Platz und Nesse sowie vorläufige Erschließung des Nessegeländes und die Brückenbauleistungen ausgeschrieben. Denn das Projekt sollte auch für die Entwicklung des Tourismus von Bedeutung sein. Es wurden Fördermittel für die touristischen Maßnahmen (Brücke, Uferpromenade mit Bootsanlegestellen und Sichtachse Denkmalplatz zum Handels- und Freizeithafen) in Höhe von drei Millionen Euro vom Land Niedersachsen bewilligt.
Eine Fußgängerbrücke wurde als Schrägseilbrücke gebaut, die den alten Handelshafen stützenfrei quert und in Brückenmitte mit zwei beweglichen Klappteilen ausgerüstet ist, um im Bedarfsfall die Passage größerer Schiffe in den hinteren Teil des Handelshafens zu ermöglichen. Die gesamte Maßnahme „Fußgängerbrücke“ beinhaltete außerdem die Erneuerung der abgängigen Ufereinfassung am Ernst-Reuter-Platz und die Herstellung von hinterfüllten Stützmauern auf dem Nesse-Gelände, um die Brücke an die umgebenden Verkehrsflächen anzubinden – das ist gelungen.
In die touristischen Maßnahmen wurden insgesamt rund 6,2 Millionen Euro investiert, wovon drei Millionen aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) bezuschusst wurden. Weitere 2,3 Millionen flossen in die erforderlichen Erschließungsmaßnahmen (Kanäle, Straßen, Beleuchtung), die nicht förderfähig waren. Somit ergab sich ein Gesamtinvestitionsvolumen für die öffentlichen Baumaßnahmen von rund 8,5 Millionen Euro. Das neue Baugebiet mit einem Nettobauland von 35 000 Quadratmetern ist in 18 Baufelder unterteilt. „Im Zentrum von Leer ist ein attraktives, modernes, gemischt genutztes Stadtquartier entstanden“, freut sich die Stadtsprecherin. Es entstanden Eigentums- und Mietwohnungen, Seniorenwohnungen, Büroflächen für Freiberufler und Verwaltungen, Praxen für Ärzte und Therapeuten, Geschäftsflächen für Gastronomie, Handel und Kunstgewerbe. Kritik gab es innerhalb der Bevölkerung allerdings am enormen Preisniveau der Immobilien, was auch die Mieten in die Höhe trieb. In Oldenburg gibt es um dem entgegenzuwirken eine vom Rat verabschiedete Regelung: Vier Prozent der Mietwohnungen müssen kostengünstig angeboten werden, zwei Prozent sind für Asylbewerber oder Flüchtlinge vorgesehen.
Brücke zur Altstadt
Besonders mit der Brücke zwischen Nesse und Leeraner Altstadt sieht Oldenburgs Stadtbaurätin Gabriele Nießen Leer in einer Vorreiterrolle. Der Brückenschlag von der Doktorsklappe über den Alten Stadthafen hinweg Richtung Stau und damit zum Hauptbahnhof würde auch dieses Quartier weiter aufwerten und dem Tourismus in Oldenburg neue Impulse geben.
