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„Bodenbildung Mitte des Jahres“

Dieter W. Heumann

Herr Professor Zimmermann, seit Dezember 2008 steigt die Zahl der Arbeitslosen laut amtlicher Statistik wieder an. Damit hat der wirtschaftliche Abschwung endgültig den Arbeitsmarkt erreicht ?

Zimmermann: Ja, und damit müssen wir nun eine Weile leben.

Der Abschwung der Konjunktur setzte bereits 2007 ein. Der Arbeitsmarkt hat also erst mit langem timelag reagiert.

Die Zeitverzögerung ist diesmal in der Tat deutlich ausgeprägter. Der Arbeitsmarkt zeigt sich wesentlich robuster als das früher der Fall war. Die Beschäftigung stieg zur Beginn der Rezession zunächst sogar noch an. Bis jetzt ist der Zuwachs an Arbeitslosigkeit für die Schwere der Krise immer noch gering.

Worauf führen Sie das zurück ?

Die Unternehmen haben sich in der Vergangenheit neu auf- gestellt und sich auch im personellen Bereich gestrafft: Arbeitskräfte, die nicht benötigt wurden, sind frühzeitig abgebaut worden. Zudem haben die Unternehmen gesteigerten Wert auf Fachkräfte gelegt. Die aber werden nicht zu schnell entlassen, da sie im nächsten Aufschwung erfahrungsgemäß nur schwer wieder zu bekommen sind. Wir sehen hier eine Vermischung der Anforderungen einer weltweit erfolgreichen Aufstellung und den Arbeitsmarktreformen.

Also wirkt auch die Agenda 2010 positiv ? Aber viele Jobs, die durch die Agenda 2010 geschaffen wurden sind zeitlich befristet oder spielen sich auf Leiharbeiterbasis ab. Es sind z.T. sehr niedrig bezahlte Jobs.

Die Agenda 2010 hat den Arbeitsmarkt flexibler gestaltet und wesentlichen Anteil an der deutlich verbesserten Arbeitsmarktlage in den vergangenen Jahren gehabt. Immerhin wurden 1,5 Millionen neue sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten geschaffen. Und die Botschaft der Agenda 2010 besteht ja nicht darin, den Menschen die Leistungen zu kürzen, sondern Anreize zu bieten, Arbeit aufzunehmen. Zudem sollen sich die Agenturen zielführender mit der Vermittlung beschäftigen. In der Tat ist es gelungen, viele Langzeitarbeitslose sowie Geringqualifizierte - die die Agenda 2010 ja ansprechen soll - wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern.

Aber zum Teil nur vorübergehend, wie die derzeitige Situation zeigt.

Wir befinden uns immerhin in einer schweren Rezession, die alle Potentiale hat, lang anhaltende Furchen in den Arbeitsmarkt zu ziehen. Trotz der erfolgreichen Reformen werden die Risikogruppen wieder besonders erfasst werden. Dauerarbeitslosigkeit wird wieder zunehmen – auch wenn sich dieser Prozess dank der Reformen langsamer vollziehen sollte.


Jetzt wird teilweise gefordert, die Reformen zurückzufahren und insbesondere die Transferausgaben zu erhöhen, da sie besonders konsumintensiv wirken.

Dies wäre aus vielerlei Sicht falsch. Richtig ist zwar, dass höhere Transfereinkommen besonders konsumintensiv wirken. Aber der Binnenkonsum ist derzeit nicht das Problem. Er könnte aber zum Problem werden, wenn nachlassender Reformeifer und das Aussetzen der Programme wieder die Entstehungvon Arbeitslosigkeit zulassen. Wer arbeitslos wird konsumiert weniger.

Mangelt es insgesamt an Anreizen für Geringqualifizierte ?

Unser Fördersystem lässt kaum Erwerbsanreize für Geringqualifizierte zu. Dagegen gibt es immer noch starke Anreize für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben durch Altersteilzeit und die lange Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für ältere Arbeitnehmer. Noch immer kämpft Deutschland mit hoher Langzeitarbeitslosigkeit und umfangreicher Schwarz- arbeit.

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) droht in Deutschland 5 % der Vollzeitbeschäftigten die Armut, weil sie mit weniger als 60 % des mittleren Nettoeinkommens leben müssen. Eine weitere alarmierende Meldung kam vom DGB, der in einer Untersuchung herausgefunden hat, dass 1,2 Millonen Jugendliche unter 25 Jahren Hartz IV beziehungsweise Arbeitslosengeld I beziehen. Laut DGB hatten weniger als ein Fünftel der jungen Leute einen Job. Das Gros übte eine Tätigkeit aus, von der sie allein aber nicht leben können. Ernährt der Job den Mann bzw. die Frau in immer geringerem Ausmaß?

Grundsätzlich haben wir einen gespaltenen Arbeitsmarkt. Fachkräfte sind gesucht und sie erfahren auch einen langfristig anhaltenden Einkommenszuwachs. Dagegen tun sich Menschen mit einfacher Arbeit zunehmend schwieriger, da diese Tätigkeiten immer weniger gebraucht werden. Die Lösung kann hier nur in der Qualifizierung liegen. Allerdings bremst die gegenwärtige Wirtschaftskrise diesen Trend: Die Wirtschaftsleistung geht zurück und darunter werden insbesondere die Unternehmen und die besser Verdienenden leiden.

Sie sprachen auch kurz das Thema Schwarzarbeit an. Der Kampf gegen die Schwarzarbeit wird bereits seit ewigen Zeiten geführt – mit nur mäßigem Erfolg. Muss das so bleiben?

Die Gesellschaft teilt sich immer mehr in zwei Klassen, die die Lohn- und Einkommenssteuer bezahlen müssen, und die, die dies nicht tun. Für die Steuerzahler sind die Belastungen sehr hoch, für die, die sie nicht zahlen ist der Verlust an Transferzahlungen bei legaler Arbeit ebenfalls sehr erheblich. Mehr Moral führt aus dem Dilemma nicht heraus. Es wird immer ein bestimmtes Maß an Schwarz-arbeit geben.

Die Zahl der Kurzarbeiter nimmt mächtig zu. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Unternehmen vielleicht doch nicht mit einer lang anhaltenden Rezession rechnen ?

Das ist im Moment noch schwer zu beurteilen, weil die vermehrte Kurzarbeit auch als Erfolg der Bemühungen der Bun- desagentur für Arbeit zu werten ist. Seit Jahresbeginn setzt die Bundesregierung die Agentur dafür ein, die Unternehmen von Entlassungen abzuhalten und statt dessen Kurzarbeit einzuführen. Aber sicherlich spielt auch die große Hoffnung der Betriebe eine Rolle, dass der Abschwung noch in diesem Jahr zum Stillstand kommt und man mit den Fachkräften – die hierzulande ja rar sind – überwintern kann.

Wann rechnen Sie mit dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit ?

Das genau zu prognostizieren, ist im Moment noch sehr schwer. Aber mit Sicherheit werden wir den Höhepunkt nach der Jahresmitte 2010 sehen.

Und wo dürfte sich die Arbeitslosigkeit in der Spitze bewegen ?

Dieses Jahr können wir durchaus die Vier-Millionen-Grenze erreichen oder - je nach Verlauf der Rezession - auch überschreiten. Im Jahresdurchschnitt 2009 erwarten wir einem Anstieg um mehr als 250 Tausend Arbeitslose. Das heißt aber auch, dass wir in der Spitze durchaus eine halbe Million Arbeitslose mehr haben können.

Zum zweiten Teil des Interviews

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