BöSEL - 61 Cent pro Kilogramm müssen durchschnittlich in Niedersachsen gezahlt werden. Für viele hiesige Milchbauern rechnet sich das nicht mehr.
Von Hermann Gerdes
BÖSEL - „Das ist wirtschaftlich völlig unvertretbar“ – Hermann Seppel, Milchbauer in der vor 50 Jahren gegründeten Siedlung Overlahe in Bösel, sieht den jetzt bei der 17. Milchbörse ermittelten Milchquotenpreis mit großer Skepsis. 61 Cent pro Kilogramm mussten beim jüngsten Börsentermin am 2. November in Niedersachsen bezahlt werden; an anderen Verkaufsstellen sogar noch mehr. Mit dem Kauf zusätzlicher Milchquoten können Milchbauern ihre Produktion erhöhen, ohne Strafen an die EU zahlen zu müssen (siehe Infokasten).„Ein solcher Preis ist unverständlich“, klagt Seppel auch angesichts des nach wie vor niedrigen Milchpreises. Beim letzten Börsentermin am 1. Juli reichten noch 45 Cent für das Kilogramm. In Overlahe setzt der Konzentrationsprozess genauso ein wie überall. Nur die Hälfte der 1955 angesiedelten Flüchtlinge, Vertriebenen oder einstigen Heuerleute wirtschaftet heute noch. Angesichts der Flächenstruktur sind die Bauern auf den kultivierten einstigen Moorflächen auf die Milchviehhaltung angewiesen.
So auch die Nachbar Bernd Freke mit Sohn Thomas. Mehr als 130 Kühe stehen hier im Stall. Über 9000 Liter geben sie im Schnitt. „Ein solcher hoher Quotenpreis kann sich nicht mehr rechnen“, meint Hannelore Freke. Gut 28 Cent erhalten die Frekes ebenso wie die anderen Milchbauern, die nach wie vor ihre Milch bei „Nordmilch“ abliefern.
Bei der 17. Milchbörse am vergangenen Mittwoch sind die Preise abermals angestiegen. Der durchschnittliche Milchquotenpreis kletterte im Vergleich zum letzten Handelstermin in Deutschland um 11 Cent auf 51 Cent je Kilogramm und liegt somit im Mittelfeld der bisherigen 17 Börsentermine. In den einzelnen Übertragungsgebieten variiert der Preisanstieg erheblich. So beträgt er in Niedersachsen jetzt 61 Cent/kg.
Spitzenreiter bei den Milchquotenpreisen ist erneut die Oberpfalz mit 71 Cent je kg (Anstieg um 16 Cent), gefolgt von Schleswig-Holstein mit 70 nach 58 Cent je kg vor vier Monaten. Mit 25 Cent je Kilo wurde der niedrigste Quotenpreis in Thüringen und Brandenburg erzielt. Hier konnte im Sommer die Quote noch für 16 Cent ersteigert werden.
Als Gründe für die hohen Milchquotenpreise gelten die enorm hohen Überlieferungen und Abgaben im letzten Milchwirtschaftsjahr. Das Quotenjahr 2004/05 ging mit einer Rekordüberlieferung von rund 413 000 Tonnen und einer Rekordabgabe von 137,6 Millionen Euro zu Ende. Auch in den ersten fünf Monaten des laufenden Milchwirtschaftsjahres wurde die Quote bereits überschritten; anfangs um drei, jetzt immer noch um ein Prozent. Durch Quotenzukauf wollen die Milcherzeuger nun einer Superabgabe wegen Überlieferung entgehen.
„Es könnte aber auch sein, dass die Milchbauern befürchten, eines Tages nicht mehr aufstocken zu können“, meint Hermann Seppel. Das gesamte System wird derzeit diskutiert. Zudem ist das Quotenende ungewiss. Umso unverständlicher ist der Preis. Die Quotenkosten müssen innerhalb von nur sieben Jahren abgeschrieben werden. Mehr als zwei Jahre bleibt von den Einnahmen aus dem Milchgeld nichts übrig. Nur die Quotenkosten können gedeckt werden. Alle anderen Kosten bleiben. „Das holt keiner wieder rein“, meint Hermann Seppel.
