BOOKHOLZBERG - Das Ereignis hat die Welt verändert und seine Heimatstadt noch mehr: Kurt Köhn erfuhr davon im Urlaub. Mit Frau und Kindern weilte der Berliner im August 1961 in Tirol – und zu Hause entstand die Mauer. „Wir haben das in den Nachrichten gehört“, erzählt der 75-Jährige, der seit 1973 in Bookholzberg lebt.

„In West-Berlin herrschte danach Aufruhr-Stimmung“, erinnert sich Köhn. Er selber und seine Frau Wera seien aber recht gelassen geblieben. „Wir hatten keine Verwandten im Osten, dadurch waren wir persönlich nicht so belastet.“

Persönlich nicht, privat aber wohl: Oft und gern waren die beiden vor dem 13. August 1961 in den Osten gegangen. „Da spielte das Leben“, sagt Köhn. Da konnte man es sich auch leisten: Die Flasche Wein für sieben Ost-Mark – das war gerade mal eine D-Mark. „Mit Westgeld konnte man in Ost-Berlin gut den Abend rumkriegen“, lacht Köhn, der damals in Wilmersdorf wohnte, in der Pariser Straße. „Das war ja nur ein Katzensprung nach drüben“. Besonders die Friedrichstraße mit ihrem kulturellen Angebot war verlockend für das junge Paar. „Wir hatten sogar ein Abo im Metropol-Theater.“

Von einem Tag auf den anderen war es damit vorbei. Die Grenze war zu, alle S- und U-Bahnverbindungen gekappt. Kurt Köhn hat noch die Bilder vor Augen: „Am Lehrter Bahnhof, wo heute der Hauptbahnhof steht, mussten alle aussteigen, der Zug fuhr dann leer zur nächsten Station an der Friedrichstraße.“ Dort lief es in umgekehrter Richtung genauso. „Und die Vopos streiften durch den Zug und guckten, ob jemand unter den Bänken liegt.“

Überhaupt: die Grenzkontrollen! „Erniedrigend“ seien die gewesen, findet Köhn. „Man gab den Pass ab, bekam dafür Transitpapiere. Und dann diese Blicke ins Gesicht, ganz dicht vor einem – ob das Passbild auch stimmt.“


Ein einschneidendes Erlebnis hatte Köhn Jahre später, als er längst nicht mehr in Berlin lebte, aber die Tochter, die dort blieb, besuchen wollte. Er hatte einen Hund dabei, einen großen Bernhardiner. „Die Bescheinigung vom Tierarzt hatte ich besorgt, wusste aber nicht, dass ich für die Rückfahrt eine neue brauchte“. Er wurde herausgewunken, musste sich im Dienstzimmer der Tierärztin einen strengen Verweis anhören – und 10 D-Mark Strafe bezahlen.

Der Transit durch die DDR wurde zur regelmäßigen Strapaze. In Helmstedt hat Köhn „jedes Mal aufgeatmet.“ Nach Ost-Berlin indes zog es ihn nicht mehr. „Einmal bin ich mit meiner Tochter noch ’rübergegangen“, erzählt er, „1974 war das, glaube ich.“ Und ernüchternd war’s: Überall Schlangen vor den Restaurants, und als sich die Besucher aus dem Westen über die Praxis des Eingewiesen-Werdens hinweg und eigenmächtig an einen Tisch setzten, gab es einen Rüffel – und geschmeckt hat’s auch nicht.

Im West-Berlin der frühen 60er Jahre hingegen „konnte man es gut aushalten“, betont der jetzige Bookholzberger. Theater und Restaurants am Kurfürstendamm waren für ihn gleich um die Ecke. Und die Mauer? „Man hat sich damit abgefunden“, beschreibt Kurt Köhn den Prozess der Gewöhnung, bei dem aber immer das Gefühl blieb, eingezwängt zu sein: „Wie in einem großen Freigehege!“

1967 hat er es verlassen. Nach mehreren berufsbedingten Umzügen landete die Familie 1973 in Bookholzberg. Hier erlebte er, wie die Mauer fiel – wieder aus der Ferne. „Wir haben die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen und uns einfach mit den Berlinern gefreut“. Auch mit der Tochter, die dort immer noch lebt. Deshalb ist Kurt Köhn, dessen Frau vor drei Jahren starb, mit seiner Lebensgefährtin Mathilde Sprösser regelmäßig zu Besuch in der alten Heimat. Jetzt kann er auch wieder problemlos in die Friedrichstraße gehen.

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)