BRAKE - „Ich wohne hier hinter dem Deich – da fühl’ ich mich sicher“, erzählt Gustavo Schlindwein Botelho, der zum ersten Mal in seinem Leben Ebbe und Flut, Schafe und den grau verhangenen Himmel Norddeutschlands gesehen hat, als er vor einem Jahr nach 14 Stunden Flug in Brake ankam.

Seit Sommer 2011 lebt der Brasilianer in wechselnden Gastfamilien, lernt Deutsch und viele neue Dinge kennen und lieben. Labskaus zum Beispiel. Das kannte der 18-Jährige bisher nicht. Und trotz der schmerzlich vermissten Nationalgerichte mit Reis und Bohnen, hat sich die norddeutsche Spezialität zu seinem Leibgericht entwickelt. So sehr, dass er am liebsten Dosenweise in seine Heimatstadt Campinas importieren würde. „Aber das ist leider nicht erlaubt beim Fliegen“, bedauert Gustavo. Wenn er am 31. Juli nach seinem Austausch-Jahr die Koffer packt, kommt dann eben nur Milchschokolade rein – und jede Menge schöne Erinnerungen. Ausflüge nach Weimar, Paris, London und Berlin, die er mit dem Rotary-Club oder auf eigene Faust unternommen hat, gehören dazu.

Besonders die Landeshauptstadt hat es dem 18-Jährigen angetan. Er schwärmt von der Kultur, der Geschichte und vor allem den Straßenbahnen. Das öffentliche Verkehrsnetz in Deutschland nämlich hat es dem Brasilianer besonders angetan. „Bei uns kann man nur Auto fahren, Züge gibt es gar nicht, und die Busse fahren total unstrukturiert“, berichtet er.

Vor allem kämen die Bahnen auch zu den angegeben Zeiten, betont er – generell habe er die Pünktlichkeit der Deutschen sehr zu schätzen gelernt. „Das bin ich auch“, erklärt Gustavo. Vielleicht liegt ihm das in den Genen. Seine Urgroßeltern nämlich stammen aus Karlsruhe. Die Sprache habe er erst hier gelernt – obwohl seine Mutter sie ihm immer beibringen wollte. „Jetzt freut sie sich sicher, mit jemandem Deutsch reden zu können“, überlegt er, und seine Augen glänzen. In ein paar Tagen sieht er die Familie wieder und kann es, trotz all der neuen Freundschaften und schönen Begegnungen, kaum erwarten.

Vor seiner Abreise allerdings gibt es für den Gastschüler noch einiges zu tun. Er ist auf den Abschlussball der Abiturienten eingeladen worden und hat fleißig Walzer und Discofox geübt. Denn entgegen aller Klischees ist der Brasilianer kein großer Tänzer. „Ich spiele auch kein Fußball“, verrät er.


Dafür liebt er es, „mal eben“ mit dem Fahrrad an den Weserstrand zu düsen – anstatt wie daheim zwei, drei Stunden Autofahrt in Kauf nehmen zu müssen. Über den Regen ärgere er sich genauso wie seine deutschen Freunde – die seien bei Sonnenschein ganz anders. Viel offener, sinniert Gustavo.

Wirklich Sorge bereitet dem 18-Jährigen das viele Wasser jedoch nicht mehr – seit er weiß, dass ihn in Brake die Deiche beschützen.