Brake/Jade - Schafzüchter, Milchviehhalter und die Betreiber von Pferdepensionen sind sich in einem Punkt einig: Das Raubtier Wolf gehört nicht in die Wesermarsch, denn hier wäre es eine echte Gefahr. Der Wunsch nach einer „wolfsfreien Wesermarsch“ ist weit verbreitet und wird gerne auch von Politkern aller Couleur verkündet.
Wolf tötet 29 Tiere
Der Wolfsberater der Wesermarsch, Franz-Otto Müller, vertritt einen völlig anderen Standpunkt. „Wildernde Hunde sind gefährlicher als Wölfe“, sagt er im Gespräch mit derNWZ. Seit der ersten Sichtung und drei Wolfs-Schafsrissen bei Ina Martens in Jade (22. September 2017), Werner Idema in Jade (24. September 2017) und bei Fred Wachsmuth in Fuchsberg (10. Februar) mache die Angst vor dem „bösen Wolf“ die Runde. Dabei sei der Hund in der Wesermarsch ein viel größeres Problem, betont Müller.
Hund tötet 41 Tiere
Wildernde Hunde reißen in der Wesermarsch mehr Schafe als der Wolf. Das belegten die Zahlen der Dokumentationen aus Übergriffen auf Nutztiere im Landkreis Wesermarsch. Müller hat 23 Meldungen und Übergriffe untersucht und dokumentiert, bei denen insgesamt 70 Nutztiere starben. 41 davon wurden zweifelsfrei von Hunden getötet, 29 von Wölfen. Bei weiteren Fällen war die Todesursache nicht mehr ermittelbar. „In den drei Jahren von 2015 bis 2018, seitdem der Wolf in der Wesermarsch beobachtet oder bei Übergriffen auf Nutztiere nachgewiesen wurde, ist die Dunkelziffer von Hundeübergriffen sehr hoch und war es auch schon in der Vergangenheit“, sagt Müller.
In der Masse werden Schafe von Hunden gerissen oder zu Tode gehetzt – und der private Schadensausgleich vollziehe sich häufig unter Nachbarn – also nicht in der Öffentlichkeit. Viele Hundebesitzer gewährten ihren Liebsten gerne freien Auslauf oder kommen ihrer Aufsichtspflicht nicht nach, lassen sie von der Leine. Wenn dann der Jäger im Hund erwacht, trifft es nicht nur regelmäßig Wildtiere, sondern auch auf der Weide oder am Deich stehende Schafe oder andere Nutztiere.
Für den Wolfsberater Müller liegt das Problem grundsätzlich am anderen Ende der gelösten Leine oder der offenen Haustür.
Fronten verhärtet
„Den Haltern fehlt die Einsicht, den Hunden außerdem oft die richtige Erziehung. Spricht man die Halter darauf an, reagieren die meisten aggressiv und erklären, ihr Hund gehorche und würde sowieso niemals ein Wildtier jagen. Die Fronten sind da einfach verhärtet“, erklärt Müller.
Der Leinenzwang gelte in Niedersachsen nicht nur zur Brut- und Setzzeit, nicht nur in Schutzgebieten, sondern auch an den Deichen, auf denen zigtausende Schafe die Grasnarbe kurz halten und den Boden verdichten, was die Festigkeit erhöht. Nicht angeleinte Hunde hetzen hier besonders während der Urlaubssaison immer wieder Schafe, die dann in Gräben und Prielen steckenbleiben und bei auflaufender Flut oder bei der Hetze auf den Weiden in den tiefen Gräben oder Sielen jämmerlich ertrinken.
Direkte Angriffe
„Auf vielen Feld- und Wirtschaftswegen lässt man zum Auslauf den Hund einfach aus dem Auto und ihn häufig bei übermäßigem Tempo dem fahrenden Hundehalter folgen. Dies widerspricht nicht nur dem Tierschutzgesetz, sondern auch der notwendigen Aufsicht durch eine Eingriffsmöglichkeit des Hundehalters“, sagt Müller.
Auch direkte Angriffe seien belegt, immer wieder kämen Schafe auf diese Weise ums Leben, bestätigten Polizei, Landschaftswarte, Schäfer und andere Nutztierhalter. Hinweisschilder, die auf die Problematik hinweisen und an die Einsicht der Hundehalter appellieren, würden von vielen häufig ignoriert.
„Nach dem Niedersächsischen Jagdrecht kann der Hund aber schnell vom Jäger zum Gejagten werden. In Niedersachsen dürfen Jagdausübungsberechtigte Hunde erschießen, wenn sie deutlich sichtbar Wild verfolgen und sich außerhalb des Einwirkungsbereichs des Halters befinden“, erklärt Müller.
