BRAKE - Seine Werke sind Klassiker, ganze Generationen von Schülern haben sie begleitet. Seine Stücke sind bis heute feste Größen auf internationalen Bühnen. Was weiß man sonst noch von Heinrich von Kleist? Außer seinem spektakulären Freitod, den er vor 200 Jahren mit seiner „Herzensfreundin“ Henriette Vogel am 21. November 1811 am Stolper Loch am Kleinen Wannsee in Berlin beging?
Im Braker Borgstede & Becker Haus des Schiffahrtsmuseums zeichnen Christian Kaiser und Franziska Mencz die Lebensstationen eines Getriebenen, eines Exaltierten und Zweifelnden, eines „guten sittlichen Menschen mit einem Hang zur Schwermut“ auf. In ihren szenischen Darstellungen halten sich Kaiser und Mencz vorwiegend an die Briefwechsel des Dichters und fügen kurze Ausschnitte aus Kleists Dramen in ihre Lesung „Schreiben – leben – vielleicht auch sterben“ ein.
Es beginnt mit dem Ende: Kaiser in der Rolle des Dichters nimmt nach einem prüfenden Blick auf die Waffen die Feder zur Hand, schreibt, verwirft, zerreißt das Papier, beginnt von neuem. „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, wird man später im erhalten gebliebenen Abschiedsbrief an seine Schwester Ulrike nachlesen können. Sie war die, die ihm wirklich nahe war, die als letzte Retterin immer wieder seine Schulden bezahlte, die er nicht aus Selbstlosigkeit, sondern aus Mittellosigkeit mit auf Reisen nahm.
„Nervenzerrüttet“ bricht Kleist sein Frankfurter Studium ab, entwirft ständig neue Lebenspläne, schart junge Damen um sich, denen er „ein pedantischer und empfindsamer“ Lehrer ist. „Mich wollte er zum Ideal umschaffen“ wird seine Verlobte Wilhelmine von Zenge von ihm sagen. Ein halbes Jahr ist das Paar „sehr glücklich“, dann zwingt ihn sein „Wille zum Reisen“ zur Trennung. Er reist mit der Schwester und erkennt: „Ich passe nicht unter die Menschen, sie gefallen mir nicht.“ In einem einfachen Fischerhaus am Thuner See erprobt er erstmals seine wahre Berufung. Kleist schreibt seine Werke in „einer Sprache, die auf dem Hochseil tanzt.“
In Berlin lernt Kleist Henriette Vogel kennen, deren durch Krankheit bedingte lebensmüde Verfassung identisch mit der des Dichters zu sein scheint. Für Henriette Vogel ist Kleist, der „ideale Partner zum Sterben“. In ihrem Abschiedsbrief bittet Vogel um eine gemeinsame Bestattung „in der sicheren Burg unserer Erde“. Kleist erschießt zuerst sich, dann die Freundin. Henriette Vogels Wunsch nach einem gemeinsamen Grab erfüllt sich. „Nun – o – Unsterblichkeit bist du ganz mein“ steht auf Kleists Grabstein, daneben steht unscheinbar und viel kleiner der Gedenkstein der Henriette Vogel.
