BRAKE - Professor Gotthold Richter, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schiffahrtsmuseums, kommt im Borgstede & Becker-Haus nicht an dem von Fritz Harnisch, Stettin, gebauten Trockenkompass vorbei, ohne einen Moment zu verweilen, um das etwas klobige Gebilde mit seinem sensiblen Innenleben zu bewundern.
Eine fast 1000-jährige Geschichte, so hat Richter ermittelt, sei von der ersten Entdeckung magnetischer Erdfelder bis zum Bau von Trockenkompassen ins Land gegangen. Die älteste gesicherte Erwähnung des Kompasses findet sich 1187 durch einen schottischen Mönch.
Zur Orientierung dienten die Kompasse in der Schifffahrt zunächst nicht. Sie wurden vorwiegend zur Richtungsbestimmung von Gestirnen und in Verbindung mit Sonnenuhren zur Zeitbestimmung eingesetzt. Die Verwendung als Steuerkompass setzte erst mit der Einführung der wissenschaftlichen Navigation, besonders auf den großen Entdeckungsreisen der Portugiesen und Spanier ein.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten Christoph Columbus und der italienische Seefahrer Sebastian Cabot festgestellt, dass die Kompassnadel nicht genau zum geographischen Nordpol zeigt. Der von der Nordrichtung abweichende Winkel wird als Missweisung (Deklination) bezeichnet.
Mit dem Beginn des Eisenschiffbaus im 19. Jahrhundert bekamen die Schiffsführungen verstärkt Probleme bei der Navigation mittels Kompass. Das sich im Einfluss des Erdmagnetfeldes befindliche Eisenschiff wurde selbst magnetisch und beeinflusste zusätzlich durch den „Deviation“ genannten Effekt die Abweichung.
Der berühmte englische Physiker Sir William Thomson (1824 bis 1907) beeinflusste mit seinen Erkenntnissen den Bau von Trockenkompassen. An der Kompasssäule wurden kugel- oder zylinderförmige „Kompensationsmagnete“ angebracht, um die Deviation von den Kompassnadeln fern zu halten.
Damit Nadel und Kompassrose stets gleichzeitig in die Nordrichtung zeigen, musste verhindert werden, dass die Rose den Schiffsbewegungen folgte. Sie wurde an Seidenfäden an einem Stift aufgehängt. Dadurch wurde erreicht, dass das Schiff sozusagen unter der Kompassrose hindurch drehte. Weil der Schwerpunkt der Rose tief unter dem Aufhängungspunkt lag, blieb sie in allen Breiten nahezu in der Waagerechten.
Rose und Nadel waren in einem Kompassgehäuse untergebracht, das auch einen Aufnahmezylinder für Petroleumlampen enthielt, was ihr den Beinamen „Nachthaube“ einbrachte.
