Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

„bold Foods“ Aus Bremen In ihren Frikadellen ist der Wurm drin

Thomas Joerdens

Bremen - Insekten essen? Niemals! So reagieren hierzulande wohl die meisten Menschen, wenn ihnen Würmer, Grillen, Käfer und anderes Kleingetier angeboten werden. Dabei stehen geröstete, gekochte, gebackene oder rohe Insekten auf den Speiseplänen von etwa zwei Milliarden Menschen in nahezu allen Erdteilen. Nur in der westlich geprägten Welt ist der Verzehr von Insekten wenig verbreitet. Das wollen Marlo Kockerols und Federico Krader ändern. Unter dem Bremer Label „Bold Foods“ verkaufen sie Insekten-Burger mit drei Geschmacksrichtungen.

Alternative zu Fleisch

Die gebürtige Bremerin und der Deutsch-Italiener vom Comer See, die sich vor zwei Jahren bei ihrem vorherigen Job als Investmentbanker in Frankfurt am Main kennengelernt und angefreundet haben, kennen natürlich die gängigen Vorbehalte. Dem verbreiteten Ekel, den die Jungunternehmer „Herausforderung“ nennen, begegnen die beiden mit Burger-Patties, die genauso aussehen wie alle anderen fleischhaltigen oder fleischlosen Burger.

Die „Bold Foods“-Frikadellen bestehen zu einen guten Drittel aus blanchierten Larven der Buffalowürmer. Die Eiweißbomben werden mit Gemüse, Gewürzen und weiteren Zutaten zu Patties gepresst, die unter anderem bei der Supermarktkette „Kaufland“ in den Tiefkühlregalen liegen. Die 200-Gramm-Packung kostet 5,49 Euro. Zeitlich befristet gibt es die Insekten-Burger auch beim Discounter „Netto“.

Während einer mehrmonatigen Experimentierphase kreierten Kockerols-Krader mit Unterstützung eines Lebensmitteltechnikers die Varianten „The Big S“ mit Spinat, „The Big R“ mit Reis sowie die pikanten Tex-Mex-Bouletten „The Big T“ für die Pfanne, den Backofen oder den Grill. Die Burger-Fabrikanten legen Wert auf eine überschaubare Zutatenliste und verzichten auf Konservierungsstoffe oder chemische Zusätze.

Weil die „Bold Foods“-Gründer dem Nahrungsmittel Fleisch etwas entgegensetzen möchten, grenzen sie sich bewusst ab von US-amerikanischen Firmen wie „Beyond Meat“. „Wir wollen den Fleischgeschmack nicht kopieren, sondern eine Alternative schaffen“, sagt Federico Krader.


Anfang dieses Jahres standen die Rezepte fest. Am 1. Februar wurde „Bold Foods“ offiziell gegründet, und seit dem Frühjahr beliefern die beiden Manager, eine Angestellte und drei Praktikanten den Einzelhandel. Daneben besuchen die Chefs Messen, akquirieren weitere Abnehmer sowie Geldgeber. In der Firmen-Dependance im nordrhein-westfälischen Rahden besorgen Mitarbeiter Disposition und Logistik.

Als die studierten Betriebswirtschaftler vor einem Jahr auf die Idee mit den Insekten kamen, den Anstoß gab Marlo Kockerols Mutter, die im Handel arbeitet, ahnten die Ex-Banker schnell: „Der Markt ist heiß.“ Denn es gibt kaum Mitbewerber. Dazu kommt: Die Insekten-Burger schmecken lecker, würzig, leicht. In Sachen Eiweißversorgung bilden sie eine perfekte Alternative zu Fleisch- oder zu Soja-Produkten.

Überzeugende Ökobilanz

Und die Ökobilanz der Buffalowurmlarven überzeugt im Vergleich zur Land- beziehungsweise Viehwirtschaft ebenfalls. Für ein Kilo Rindfleisch sind acht Kilogramm Futter und 15 000 Liter Wasser notwendig. Für dieselbe Menge Insekten sind es zwei Kilo und 4000 Liter. Überdies negativ bei den Rindviechern sind der über zwölfmal größere Flächenverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen, die die Erderwärmung beschleunigen.

Die Larven für die „Bold Foods“-Burger stammen aus einer Insektenzucht in den Niederlanden. Dort und in Norddeutschland werden seit März die Frikadellen hergestellt. Produktions- und Absatzzahlen verraten die deutschen Insekten-Burger-Pioniere nicht. Ebenso wenig die Produkte, mit denen sie innerhalb des nächsten Dreivierteljahres die Erweiterung der Patties-Palette planen. Allerdings deuten die „Bold Foodies“ an, dass sie neben Insekten weitere Eiweißquellen im Blick haben und sprechen von Erbsen und Pilzen. „Die Möglichkeiten sind unendlich.“ Fest steht, dass es aus dem Hause „Bold Food“ auch künftig nur Herzhaftes geben wird.

Den Unternehmern ist das Thema Ernährung sehr wichtig und dass sie die Welt ein bisschen verändern können, sagen sie. Doch die 28-jährige Marlo Kockerols und der ein Jahr jüngere Federico Krader sind keine Dogmatiker. Sie bezeichnen sich als Flexitarier, essen also gelegentlich Fleisch und achten dabei auf Qualität und Herkunft. Bio-Siegel sind für die beiden kein Muss. Sie charakterisieren sich als Querdenker und Workaholics, die ihrer jungen Firma an sieben Tagen in der Woche von morgens bis nach Mitternacht alles unterordnen. „Wir sind total begeistert. Es läuft super.“

Die nächsten Ziele haben die „Bold Foods“-Macher bereits definiert. „Wir wollen mit den Insekten-Burgern raus aus der Nische. Wir produzieren nicht bloß für Experimentierfreudige. Es gehören mehr Insekten auf unseren Speiseplan“, findet die Managerin. Ihr Partner nickt. Und nicht nur auf den der Deutschen. „In fünf Jahren wollen wir bei alternativen Proteinquellen ein starker Player in Europa sein“, schiebt die Unternehmerin hinterher.

Dass Insekten-Experten wie Arnold van Huis von der niederländischen Universität Wageningen einen Insekten-Boom erwarten bei Tierfutter in der Landwirtschaft, jedoch in absehbarer Zeit nicht bei der Ernährung von Menschen, ficht Marlo Kockerols und Federico Krader nicht an. „Bold Foods“ kann man übersetzen mit mutige, kühne oder freche Lebensmittel. Und ihren Firmennamen begreifen die Gründer in diesem Sinne als Programm und Verpflichtung.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden