BREMEN - Die Passanten am Bremer Osterdeich bleiben neugierig stehen. „Das sind doch die Brüder Henrich und Wilhelm Focke“, raunen sie sich zu. Staunend beobachten sie, wie sich Henrich das Geschirr des selbst gebauten Hängegleiters umlegt. Dann erklimmt er mit Hilfe von Wilhelm den Deich, denn der Hängegleiter mit seinen sechs Metern Spannbreite ist am Boden sperrig. Oben angekommen, holt er ordentlich Schwung und läuft hügelab. Er wird immer schneller, doch er hebt an diesem Tag nicht ab.
„Eine solche Szene hat sich höchstwahrscheinlich 1908 dort abgespielt“, sagt Autor und Fernsehproduzent Eike Besuden. Es sind die ersten Flugversuche der Bremer Luftfahrtpioniere, die jetzt in Originalkostümen und mit einem originalgetreuen Nachbau des Hängegleiters für eine Dokumentation nachgestellt wurden. Als eine Episode der neuen Reihe „Nordlichter“ soll sie im September 2009 im dritten Programm auf Sendung gehen.
Vereinsgründung
Ein Jahr nach Fockes ersten Flugversuchen gründen Bremer Kaufleute im November 1909 den Verein für Luftschifffahrt, der heute noch als Bremer Verein für Luftfahrt existiert, und in dem Luftsportbegeisterte Motor- und Segelflug sowie Ballonfahrt betreiben. Seine Gründung vor 100 Jahren markiert den Beginn bremischer Luftfahrtgeschichte: Der Verein erhält zusammen mit dem Norddeutschen Lloyd den Auftrag, die Planung eines Luftschiffhafens vorzubereiten.
„Bremen gehört somit zu den ältesten noch existierenden Flughäfen in Deutschland“, sagt Christian Häfner, Geschäftsführer der Flughafen Bremen GmbH. „Dieses Jubiläum muss schon deshalb gewürdigt werden, weil die Zukunft des Luftfahrtstandortes Bremen sich auch aus der traditionsreichen Vergangenheit legitimiert.“
Den ersten „Flugtag“ gibt es bereits im Gründungsjahr des Vereins, am 14. November 1909, damals noch auf dem Bremer Rennplatz. Und obwohl die Motorfliegerei vor dem Ersten Weltkrieg noch in den Kinderschuhen steckt, führt Flugpionier Hans Grade dabei seinen neuen Eindecker vor. „Es wurde ein Rekordflug von 54 Minuten Dauer“, erzählt Flughafen-Sprecher Siegfried Spörer.
Die Geburtsstunde des Bremer Flughafens ist der 16. Mai 1913, als der Verein vom Senat die Genehmigung erhält, auf dem Exerzierplatz offiziell einen Flugstützpunkt zu errichten. Noch im selben Jahr beginnen die ersten Passagierflüge. 1920 – in dem Jahr wird der Flughafen auf dem Neuenlander Feld offiziell eingeweiht – eröffnet die niederländische Fluggesellschaft KLM probeweise die erste kontinentale Fluglinie. 1921 wird die Bremer Flughafen-Betriebsgesellschaft gegründet.
Blick in Archive
Ein Blick in die Archive zeigt, dass sich der Airport Bremen in den folgenden Jahrzehnten zu einem Verkehrsflughafen mit großer regionaler Bedeutung entwickelt. „Zwei Jahre bevor mit dem Kriegsausbruch der zivile Luftverkehr in Bremen vollständig zum Erliegen kommt, wird 1937 ein festes Startbahnsystem auf dem Neuenlander Feld ausgebaut – das erste in Deutschland überhaupt“, erzählt Spörer.
Nach dem Krieg ist SAS die erste Fluggesellschaft, die 1949 einen täglichen innerdeutschen Streckendienst aufnimmt. Das Passagieraufkommen beträgt 3297 Menschen. „Im Jahr 2008 haben wir 2,48 Millionen Passagiere gezählt“, sagt Spörer. 1956 gründet die Deutsche Lufthansa ihre Verkehrsfliegerschule auf dem Bremer Flughafen. 1966 schließt die KLM durch die DC9 Bremen in ihr Düsenverkehrsnetz ein. Im selben Jahr kommt es zum schwersten Flugzeugunglück in der Geschichte des Bremer Flughafens. Eine Convair, aus Frankfurt kommend, stürzt nach einem Anflug auf Bremen beim Durchstarten ab. Alle 46 Insassen sterben.
Um den Airport für das neue Jahrtausend fit zu machen, wird 1989 für 200 Millionen Euro das Investitionsprogramm „Flughafen 2000“ aufgelegt.
Am Osterdeich ist die Szene von Fockes ersten Flugversuchen im Kasten. Der Hängegleiter baumelt inzwischen unter der Decke der Werkstatt des Bremer Bühnenhauses. „Er wird von allen bewundert“, sagt Tischlermeister Joachim Billstein stolz. Billstein hat das 78 Kilo schwere Gerät nach selbst berechneten Maßen aus Kiefernholz und Nessel-Bespannung gefertigt. „Ich hätte ihn so flugfähig wie das Original bauen können“, erklärt er, „aber das wäre zu teuer geworden.“
