BREMEN - Beim Gang über den Bremer Weihnachtsmarkt will bei Kapitän Sergey Bova nicht so recht Festtagslaune aufkommen. Zwischen Glühweinständen macht sich stattdessen ein Gefühl der Einsamkeit breit. „Während wir hier allein festsitzen, sehen wir überall viele Familien, die mit ihren Kindern unterwegs sind, und weihnachtlichen Lichterglanz“, bedauert der 51-Jährige aus dem russischen St. Petersburg. Bova ist Chef auf einer Art Geisterschiff, dessen Mannschaft einem besonders schwierigen Weihnachtsfest entgegensieht.
Seit August in Bremen
Seit August liegt der Containerfrachter „Priwall“ ohne Auftrag im Bremer Hafen. Die Mannschaft unter Kapitän Bova weiß nicht, wann der 200 Meter lange Frachter wieder in See stechen kann.
Experten schätzen, dass weltweit etwa 1.400 Schiffe wie die „Priwall“ ohne Ladung festsitzen, in Deutschland gibt es derzeit mehr als 30 dieser sogenannten „Auflieger“.
„In vielen Häfen liegen die Schiffe Bordwand an Bordwand“, beschreibt Bremens Seemannspastor Hero Feenders die Situation.
Die Schiffe sind fast menschenleer, nur eine Notbesatzung hält die Frachter einsatzbereit. „An Bord ist Einsamkeit das größte Problem“, sagt Feenders, der mit dem ehrenamtlichen Schiffsbesucher Holger Winter (66) gerade jetzt kurz vor Weihnachten hoch willkommen ist.
„Wenn wir Order bekommen, sind wir in wenigen Tagen startklar“, sagt Bova, der auf der „Priwall“ mit sechs Seeleuten Wache schiebt. Doch Besserung ist nicht in Sicht. Nach einem Verfall der Erlöse rechnet der Verband Deutscher Reeder (VDR) für 2010 mit einer Verschärfung der Situation. „Weder der Unterhalt der Schiffe noch Neubauten könnten finanziert werden“, sagt VDR-Vorsitzender Michael Behrendt. Kredite werden dringend benötigt, sind aber schwer zu bekommen.
Unterdessen denkt der philippinische Schiffskoch der „Priwall“, Rhoem Santorce, an die Heimat. „Ich habe eine fünfjährige Tochter, die jetzt natürlich besonders auf ihren Papa wartet“, sagt der 30-Jährige. Er hat bereits ein Geschenk nach Hause geschickt, kann aber nun schon seit drei Jahren Weihnachten nicht zusammen mit seiner Familie feiern, weil er stets unterwegs ist. Schwieriger und teurer ist das für seine Kollegen vom Kiribati-Atoll, denn dort sind Telefon- und Internetanschlüsse rar.
Um die Isolation an Bord zu durchbrechen, würde Seemannspastor Feenders die Mannschaft gerne in die Stadt einladen. Aber daran ist nicht zu denken. Es darf aus Sicherheitsgründen immer nur einer von Bord.
Alle sind froh, dass sie überhaupt Arbeit haben, auch wenn sie mit Lohnabschlägen leben müssen.
„Wer so lange aufliegt, bekommt nur noch die geringe Grundheuer. Überstunden und Zuschläge fallen weg“, sagt Feenders. „Hier in Deutschland können sich die Seeleute nichts leisten, das ist zu teuer.
Weihnachten an Bord
Doch zunächst freuen sich auch die Seeleute auf der „Priwall“ auf Heiligabend. Santorce will festlich kochen, dann wird gesungen und gefeiert. Christentum, Naturreligionen, und Vodoo-Magie – all das beeinflusst das Fest an Bord.
So wird es auch dieses Jahr wieder auf der „Priwall“ sein: Wenn das Rostklopfen verstummt, erklingt auf dem Schiff ohne Ladung „Stille Nacht“. Und alle singen mit.
