BREMEN - Leicht und langsam gleiten seine Fingerkuppen über die alte Rinde. Alfred Duggen untersucht nur mit seinen Händen den Unterschied zwischen einer Birke und einer Kiefer. Mit den Augen sehen kann er die Stämme nicht, denn der Mann ist seit einem Unfall vor zehn Jahren blind.
Im Blindengarten im Bremer Stadtteil St. Magnus erlebt der 64-Jährige die Natur mit seinen Sinnen. Die Pflanzen stehen auf etwa 70 Zentimeter hohen Beeten und können so bequem ertastet und beschnuppert werden. Schilder in Blindenschrift tragen die Namen des jeweiligen Gewächses. Die Anlage ist so geplant, dass sich blinde Besucher ohne fremde Hilfe frei bewegen und orientieren können. Der Bärlauch verströmt seinen charakteristischen Zwiebel- und Knoblauchgeruch, als Duggen die grünen Blätter zwischen den Fingern zerreibt. Sehen kann er die frisch gepflanzten Stiefmütterchen, blühenden Forsythien und gelben Osterglocken nicht, aber fühlen und riechen.
16 Erlebnisbereiche
Der Blindengarten ist eine tolle Sache, da viele Blinde, die in Etagenwohnungen ohne Garten leben, dadurch die Möglichkeit bekommen Pflanzen und Gerüche kennenzulernen, sagt Duggen und krault seinen Labrador-Mischling hinter den Ohren. Blindenhund Murphy begleitet ihn seit fünf Jahren. Die Umstellung auf die anderen Sinne brauche Zeit: Die ersten Jahre nach der Erblindung habe ich mich immer gestoßen.
Das Duftbeet ist einer von 16 Erlebnisbereichen des Parks. Bis der Garten im Sommer wieder in seiner vollen Pracht erstrahlt, müssen Gartenaufsicht Heidi Drejka-Ganser (49) und andere ehrenamtliche Helfer noch neue Pflanzen eingraben, Unkraut zupfen und Wegkanten abstechen. Dann stehen wieder Pflanzen mit rauen und glatten Blättern, aromatische Blüten und Blätter, verschiedene Stauden und Gräser in den Hochbeeten.
Vom Nutzen eines Blindengartens ist auch Gisela Hirschberger überzeugt. Sie ist die Vorsitzende des Oldenburger Blindenvereins und vor zwei Jahren an der Gestaltung des Blindengartens in Bad Zwischenahn beteiligt gewesen. Die Blinden- und Impressionslandschaft ist ein fester Bestandteil im Park der Gärten.
Blinde sind vorsichtig
Ich halte diese Blindengärten für sehr sinnvoll. Man schärft und trainiert damit seine Sinne. Und diese Hochbeete sind nicht nur für Blinde interessant. Auch ältere Menschen möchten gerne Pflanzen anfassen, ohne sich bücken zu müssen. Hier hat jeder die Möglichkeit, die Natur hautnah zu erleben, sagt Hirschberger. Sie ist eine resolute Frau, die ihr Leben genießt, ob blind oder nicht. Ich kann zum Beispiel stundenlang am Wasser sitzen. Früher habe ich den Wellen immer zugeguckt und heute genieße ich es in vollen Zügen, wenn die Wellen in Wilhelmshaven gegen den Strand klatschen. Das ist mir dann egal, ob ich das Wasser sehe oder nicht.
Und obwohl blinde Menschen mit den Händen sehen, machen sie das nicht so wahllos wie sehende Menschen mit de Augen. Sie sind sie dabei ganz vorsichtig und immer sehr konzentriert. Sie werden bei Blinden nie erleben, dass die einfach irgendwo hingreifen. Wir gehen erst mal mit dem Handrücken dran, ganz vorsichtig, und dann erst mit den Fingern, beschreibt Hirschberger.
Sie empfiehlt einen Besuch in einem Blindengarten oder auch in einem botanischem Garten. Dorthin fährt die Vorsitzende im Sommer mit ihrer Oldenburger Blindengruppe. Sie hat eine besondere Führung organisiert und dabei festgestellt: Die Sehenden lernen durch uns Blinde erst mal das Gucken. Einen Blinden beim Besuch im Garten zu begleiten, kann einem Sehenden neue Perspektiven eröffnen.
Der etwa 1600 Quadratmeter große Garten für Blinde in Bremen wurde vor 23 Jahren allein in Privatinitiative gebaut. Bremer Firmen halfen mit Arbeitskraft und Spendengeldern. Den Blinden sollte die Botanik nähergebracht werden, sagt die 79-jährige Gründerin Edith Kranz. Doch der Garten ist nicht nur für Blinde gedacht: Die Sehenden seien daran gewöhnt, ihre Sinneseindrücke mit den Augen zu erfassen und könnten von den Blinden lernen ihre übrigen Sinne stärker zu nutzen.
Wie Gisela Hirschberger aus Oldenburg empfindet auch Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) Blindengärten als eine Bereicherung für Blinde und Sehende. Der Name Blindengarten grenze jedoch die Sehenden aus. Das klingt sehr nach einem besonderem Treibhaus für Blinde, sagt Delgado. Dabei seien diese Gärten für jeden interessant. Duft- und Tastgarten sei daher eine sinnvollere Bezeichnung.
Im Frühling erwacht der Garten langsam zum Leben. Dann können die Besucher an frischer Minze riechen und das weiche Sternmoos fühlen. Der Blindengarten Bremen ist bis Ende Oktober täglich geöffnet, der Eintritt ist frei.
