BRüSSEL/HAMBURG - Die Europäische Union macht Kartellchef Rod Riseborough nun praktisch arbeitslos. Als Chef der „Far Eastern Freight Conference“ (FEFC) war er bisher für Absprachen der Reeder über Frachttarife und Schiffskapazitäten im Fernost-Europa-Verkehr zuständig. Das Londoner Büro der Linienkonferenz, die auf eine rund 130-jährige Geschichte zurückblicken kann, wird dichtgemacht.
Denn seit dem Wochenende gilt ein EU-Verbot für Preiskartelle auch auf See. Über die steigende Konkurrenzsituation könnten die Preise im Seefrachtverkehr deutlich sinken, erhofft man sich in Brüssel.
„Wir werden in Europa nicht länger existieren“, sagt Riseborough zur Zukunft der FEFC. Er sieht auf die ohnehin schon schwächelnde Containerschifffahrt durch den möglichen Preisdruck und den Wegfall der Planungssicherheit weitere Probleme zukommen. Reeder fürchten ein Preisdumping asiatischer Reedereien, die massiv ihre Flotten ausbauen. „Und auch für die Kunden wird es nun viel schwieriger, sie müssen sich in einem Preisdschungel zurechtfinden“, so Riseborough.
Ob der Kundenzuschlag für die Fahrt durch den Suez-Kanal (derzeit elf Dollar pro 20-Fuß-Standardcontainer), der Spritzuschlag für jeden Container (13 Dollar) oder der Bunkerzuschlag, der auf die Seefracht pro Stahlbox erhoben wird (766 Dollar) – im Fernostverkehr nach Europa war die FEFC als Zusammenschluss Dutzender Reedereien tonangebend.
„Welche Auswirkungen das am Ende haben wird, ist bisher schwer einzuschätzen“, sagt Max Johns vom Verband Deutscher Reeder in Hamburg. „Auf jeden Fall wird es für Verlader jetzt komplizierter, da es mehr Tarifstrukturen geben wird als vorher.“ Die Brüsseler EU-Kommission betont hingegen, dass nun auch in der Schifffahrt die EU-Wettbewerbsregeln gelten.
Die Geschichte der sogenannten Linienkonferenzen reicht ins 19. Jahrhundert zurück, seit 1986 war es auch europäischen Reedereien offiziell erlaubt, Absprachen zu treffen. Während der Benzinpreis heute für den Autofahrer täglich schwankt, wurden die Frachtraten in der EU für mehrere Monate festgelegt. Das bedeutete Sicherheit bei der Kalkulation für Reeder und Frachtabnehmer.
Ob sich die dunklen Wolken nun über der Seetransport-Branche in der EU weiter zusammenziehen, ist ungewiss: „Letztlich hängt das Wachstum in der Schifffahrt nicht von den Frachtraten ab, sondern davon, wie viel die Europäer importieren“, sagt Riseborough.
