Kerala - Deutlich mehr Einwohner als in ganz Europa und eine geografische, religiöse und kulturelle Vielfalt, die sich mit der europäischen messen lassen kann: Nicht ohne Grund wird Indien oft als Subkontinent bezeichnet. Das mehrheitlich muslimische Kaschmir im Norden, die hippe Metropole Mumbai im Westen, die abgelegenen Nordoststaaten sowie Tamil Nadu und Kerala im Süden bieten nur grobe Anhaltspunkte für die Ausmaße dieses riesigen Landes.
Ich habe mich aufgemacht, zusammen mit einer anderen Absolventin des Freiwilligendienstes, Kerala zu erkunden – Indiens südwestlichsten Bundesstaat. Fast wirkt Kerala wie ein Abziehbild des gesamten Landes: Strand, das berühmte Kanalsystem der Backwaters, wilde Tiere und eines der weltweit höchstgelegensten Teeanbaugebiete.
Doch Keralas Diversität erstreckt sich längst nicht nur auf die Natur. Zwar sind in religiöser Hinsicht die Hindus hier mit rund 56 Prozent noch deutlich in der Mehrzahl, allerdings stellen die Muslime ein Viertel und die Christen ein Fünftel der Bevölkerung. Im indischen Gesamtklassement weisen sie deutlich niedrigere Werte auf. Da überrascht es wenig, dass wir auf unserer Reise etliche Kirchen gesehen haben, die durch eine bunte Außenbemalung bestachen.
Bunt war das Landschaftsbild auch im Allgemeinen. Die Hafenstadt Kochi wartete zum Teil mit farbigen Wohnhäusern auf. Und auch am Ufer der Backwaters versteckten sich schmucke Eigenheime im Grünen.
Am Stadt- und Landschaftsbild wurde deutlich, warum Kerala Indiens reichster Bundesstaat ist. Das höchste Pro-Kopf-Einkommen und die höchste Alphabetisierungsrate – Kerala geizt nicht mit Superlativen. Der Wohlstand ist offensichtlich: Anders als in der Hauptstadt Delhi gibt es hier kaum Bettler und erstaunlich wenig Müll auf den Straßen. Die Gesellschaft ist egalitärer als in anderen Teilen des Subkontinentes, die Kommunisten haben hier einen relativ großen Einfluss.
Die Löhne seien hier höher als im Norden, erzählt uns ein weit gereister Restaurantbesitzer aus Kochi. Angesprochen auf das nordindische Sorgenkind Bihar, den Staat mit der höchsten Armuts- und Kriminalitätsrate, antwortet er: „Ein Desaster!“
Bihar, am Fuße des Himalaya gelegen, lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft. Damit lässt sich in Indien nicht viel Geld verdienen. „Die Leute in der Regierung wissen, wie sie die Menschen in Bihar reicher machen können“, beschwert sich unser Gesprächspartner. Die natürlichen Gegebenheiten seien schließlich vorhanden. So könnte Wasser aus dem Himalaya mit der nötigen Infrastruktur zur Bewässerung eingesetzt werden.
Ein Großteil der Mittel- und Oberschicht wolle die Bauern aber arm halten. „Sie wollen nicht mehr Geld für Gemüse ausgeben.“ Ein Kilogramm Tomaten kostet in Delhi weniger als 50 Cent.
Bei solchen Preisen kommt beim Erzeuger wenig an. Deshalb zieht es viele Menschen aus Bundesstaaten wie Bihar oder dem ähnlich armen Uttar Pradesh nach Delhi.
Durch das Überangebot an Arbeitskräften lässt sich aber auch dort nicht viel Geld verdienen, an Wohnraum mangelt es sowieso. So landen die verzweifelten Arbeitsmigranten in Slums oder direkt auf der Straße und sorgen im Kontrast zu den Nobelvierteln der Metropole für eine Vielfalt, auf die Indien getrost verzichten kann.
