CADENBERGE - Schwester Friedegund ist seit Januar im Auftrag von Hausärzten in den Landkreisen Cuxhaven und Stade unterwegs. Sie fährt als „Betreuungsschwester“ zu älteren, chronisch kranken Patienten auf Hausbesuch. Fünf bis sechs Besuche sind es pro Tag.
„Ich möchte Zeit haben für die Sorgen und Nöte der Menschen“, sagt Friedegund Ohlendorf am Donnerstag in Cadenberge. Die gelernte Krankenschwester mit zahlreichen Zusatzqualifikationen berät die alten Menschen in Ernährungsfragen, misst Blutdruck, kontrolliert regelmäßige Medikamenteneinnahme oder hört einfach nur zu.
Bezahlt werden die Leistungen von der AOK Niedersachsen. Um dem drohenden Ärztemangel in ländlichen Gebieten entgegenzuwirken, müssten für die Zukunft Alternativen in der ärztlichen Versorgung der immer älter werdenden Menschen gefunden werden, sagt Andreas Schwanke, AOK-Regionaldirektor Cuxhaven, Rotenburg/Wümme. Die Betreuungsschwester sei „ein Baustein im Konzert der Abhilfe“: „Wir brauchen mehrere Instrumente, die zusammen greifen.“ Eine Landarztpraxis, die sich auf eine Betreuungsschwester stützen könne, sei in Zukunft vielleicht auch für junge Mediziner wieder attraktiver.
Noch ist es aber ein bis Ende 2010 befristetes Pilotprojekt, an dem sich 15 Ärzte beteiligen, und es gilt nur für AOK-Versicherte im Elbe-Weser-Raum. Inge und Carl Graeper aus Neuhaus im Kreis Cuxhaven gehören zu den insgesamt 80 betreuten Patienten. „Wir sind sehr zufrieden. Alle drei Wochen besucht uns Schwester Friedegund und misst Blutdruck“, sagen die beiden 79 und 88 Jahre alten Rentner. „Ich schau, ob es ihnen gut geht“, sagt Schwester Friedegund und legt liebevoll den Arm um Carl Graepers Schulter.
„Sie sind der Engel der Region“, meint AOK-Sprecher Klaus Altmann. Ziel sei, die Versorgungsfähigkeit der Patienten solange wie möglich im häuslichen Umfeld zu erhalten, sagt die Ärztin Christiane Klünder, die mit fünf anderen Ärzten in einer Gemeinschaftspraxis in Neuhaus zusammenarbeitet. Anzeichen einer Erkrankung könnten von der Betreuungsschwester erkannt und ein Krankenhausaufenthalt so möglicherweise vermieden werden.
Niedersachsen hat damit als erstes westliches Bundesland das im Osten 2005 initiierte Projekt „Gemeindeschwester AGnES“ übernommen. Das Modell war dort bis Ende 2008 in vier Ländern getestet worden. „AGnES“ ist Anfang 2009 in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen worden. Das niedersächsische Pilotprojekt wird von der Uni Greifswald ausgewertet. „Dann werden wir sehen, werden die Ärzte entlastet und hat die Kasse etwas davon“, meint Schwanke.
Nach Berechnungen des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes werden in Niedersachsen bis 2020 mehr als 3000 neue Hausärzte benötigt. Um Versorgungslücken auf dem Land zu schließen, müssten finanzielle Anreize und flexiblere Planungs- und Zulassungsinstrumente geschaffen werden.
