CEBU - Im Taucherparadies Panglao nahe der philippinischen Insel Cebu schütteln Gäste und Anwohner nur den Kopf: „Bitte nicht die alte Entführungsgeschichte aufwärmen“, sagen sie zehn Jahre nach dem Geiseldrama um die Göttinger Familie Wallert. Das Image des Inselstaates hat jahrelang gelitten, Hotels und Tauchschulen blieben leer.

Die muslimische Terrorgruppe Abu Sayyaf verschleppte am 23. April 2000 Renate (heute 66), Werner und Marc Wallert sowie 18 weitere Geiseln aus dem malaysischen Taucherparadies Sipadan auf die philippinische Insel Jolo. Dann begann eine beispiellose Inszenierung des Geisel-Leidens für die Weltpresse: die Rebellen hielten Pressekonferenzen ab und verbreiteten Videos vom Elend der Urlauber. Sie ließen Ärzte kommen und Schreckensdiagnosen verbreiten.

„Ihr primäres Interesse war Öffentlichkeit herzustellen. Die Abu Sayyaf wollte weltweit bekannt werden und das haben sie geschafft“, sagte Werner Wallert später im Fernsehen. Der Druck zahlte sich aus: für die Freilassung der Entführten flossen Millionenbeträge.

Für die Wallerts wurde das Rampenlicht zu einem zweischneidigen Schwert. Die ständige mediale Präsenz mag die Freilassung beschleunigt haben. Doch als Renate Wallert nach drei Monaten, am 17. Juli 2000, endlich freikam und nach Deutschland ausflog, schlug ihr auch Befremden entgegen. Wie konnte sie Mann und Sohn zurücklassen? hieß es. Werner Wallert wurde erst am 27. August freigelassen, Sohn Marc am 9. September. Als Renate Wallert schon wenige Stunden nach der Ankunft das Krankenhaus verließ und die Ärzte ihr „überraschend gute“ Gesundheit bescheinigten, fragten sich manche, ob sie das Leiden im Dschungel womöglich simuliert habe.

Die reisefreudigen Wallerts waren den Medienrummel irgendwann leid. Sie haben in ihren Alltag zurückgefunden, inklusive Tauchurlaube.

Die Abu Sayyaf-Rebellen sind immer noch aktiv. Die Drahtzieher der Wallert-Entführung sind aber tot. Mujib Susukan wurde bei einer Militäroffensive 2003 erschossen. Der berüchtigte Ghalib Andang wurde gefasst und kam 2005 bei einer Gefängnisrevolte ums Leben.