CLOPPENBURG - Wer Kenia kennt, weiß von der landschaftlichen Schönheit, den paradiesischen Tierreservaten und der zuvorkommenden Freundlichkeit der Einwohner. Bei meinen Besuchen dieses ostafrikanischen Landes wurde mir das stets bestätigt.

Aber Kenia hat auch eine andere Seite: bittere Armut, Plünderungen und blutige Unruhen. Besonders nachts ist die Lage für Einheimische und Touristen unsicher. Nur wer unbedingt muss, hält sich zur Nachtzeit auf Wegen oder Straßen auf.

Nun ist der Tag ebenfalls zum Risikofaktor geworden. Die Präsidentschaftswahl ist zwischen dem Präsidenten Mwai Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga so knapp ausgefallen, dass ein Wahlsieg nur mit Sorgfalt und Mühe ermittelt werden kann. Sorgfalt hat schon bei den Wahlen selbst gefehlt, und die Mühe beschränkt sich auf die Behauptung beider Kandidaten, der jeweilige Wahlsieger zu sein. Eine vernünftige Übereinkunft zur Deeskalation der Lage scheint nicht in Sicht. Man kann nur hoffen, dass die Vernunft siegen wird.

Im Oktober 2007 habe ich Kenia meinen letzten Besuch abgestattet. Da war gerade die heiße Phase des Wahlkampfes in vollem Gange. Zu dieser Zeit habe ich mit vielen Menschen über die politische Situation in Kenia gesprochen und erfahren, dass alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft gesetzt wird. Noch immer beträgt die Arbeitslosigkeit mehr als 40 Prozent. Wer ein Einkommen hat, zählt mit einem Gehalt zwischen 40 und 120 Euro pro Monat zu den Gewinnern. Mit diesen Beträgen müssen Familien wirtschaften. Nach der Grundschule ist für jedes Kind eine Schulgebühr zu zahlen. Um Kosten zu sparen, schicken viele Familien ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule. Ein Auto können sich die wenigsten leisten, und ein Liter Benzin kostet um 90 kenianische Schillinge. Überträgt man das auf deutsche Einkommensverhältnisse, müsste der Benzinpreis hier bei rund 50 Euro pro Liter liegen.

Mit dem Gehalt kommen nur wenige Menschen in Kenia aus. Glücklich schätzen sich diejenigen, die in ihrem eigenen Garten oder auf ihrem Feld Gemüse zum Eigenbedarf oder zum Verkauf anbauen können. Eine Dürre im Jahr 2006 hat allerdings viele dieser Nebeneinkünfte zunichte gemacht. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit sterben viele Menschen an Unterernährung. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahren von 47 auf 42 Jahre gesunken.


Fragt man die Kenianer nach den Ursachen dieses Desasters, wird vorwiegend die Korruption der jeweiligen Regierungen unter Daniel Arap Moi oder Mwai Kibaki angeführt. Für das Argument der Korruption sind vor allem die Bewohner der Slums rund um Nairobi empfänglich. Ihnen hat Raila Odinga eine bessere Zukunft versprochen. Doch durch den offiziellen Ausgang der Wahlen sind sie bitter enttäuscht und versuchen, ihre Träume von einer besseren Zukunft zu retten – zum Teil mit Gewalt.

Das Argument der Korruption alleine zählt nicht. Viele Kenianer sind überaus gebildet und kennen internationale wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten. Das Kaffee- und Tee-Exportland Kenia verschickt aus gutem Grund nur Rohprodukte nach Europa und Amerika. Würden diese Produkte im eigenen Land verarbeitet, kämen auf die Exporte Einfuhrzölle der Europäer und Amerikaner in Größenordnungen zu, die die Arbeitsplätze in Kenia unwirtschaftlich machten. Fazit: Wirtschaftliche Entfaltung in Kenia bleibt durch die Vorgaben der westlichen Industrienationen blockiert. Deutsche Entwicklungshilfe kann daher das schlechte Gewissen der politischen Verantwortlichen westlicher Länder nicht kompensieren. Es zeigt sich deutlich, dass die Misere Kenias größtenteils importiert ist. Ohne westliche Zugeständnisse würde auch Raila Odinga, für viele der neue Volksheld, mit Reformen scheitern.