APFELSCHÄLMASCHINE, SCHIFFSNEBELHORN, REGISTRIERKASSE: IN JOSEF BAHLMANNS „VILLA KUNTERBUNT“ GIBT ES NICHTS, WAS ES NICHT GIBT.
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CLOPPENBURG - Kürzlich haben bei Josef Bahlmann zwei Vertreter des Haushaltsgeräteherstellers Vorwerk geklingelt. Das Duo wollte dem Kneheimer einen neuen Staubsauger verkaufen. Bahlmann aber entgegnete scherzhaft, dass er schon ein Exemplar der Marke besitze, das noch gut funktioniere. Beim Anblick seines Modells waren die beiden Vertreter beeindruckt – und zwar so sehr, dass sie ihm das gute Stück abkaufen wollten. Den Sauger konnten sie auf das Jahr 1936 datieren: jedenfalls war er reif fürs Museum. Doch Bahlmann behielt ihn für sich. Auch er nutzt das Gerät nicht mehr im Haushalt, sondern schätzt es als Exponat seiner großen Sammlung.
Der Rentner sammelt gerne, und zwar alles, „was nicht mehr hergestellt wird“: Registrierkassen, Apfelschälmaschinen, Schiffsnebelhörner – wirklich alles. Vor rund 35 Jahren wollte sich der Landwirt nicht mehr den ganzen Tag nur mit seiner Arbeit beschäftigen. „Die Idee, etwas zu sammeln, kam über Nacht“, erzählt der nun 74- Jährige. Heute besitzt er tausende Teile verschiedenster Art. Zählen kann er das selber nicht mehr.
Zuerst auf Versteigerungen
Zu Anfang schaute sich Bahlmann auf Versteigerungen aufgegebener Bauernhöfe in der Gegend von Ankum um. Nicht nach irgendetwas Bestimmten, einfach nach allem, was alt war. Er fand u.a. einen Holzschlitten mit fünf Sitzplätzen von 1890. Noch heute spannt er diesen gelegentlich hinter einen Trecker.
Während Bahlmann noch von einem anderen Stück erzählt, fällt ihm ein „Schnäppchen“ ein. Sofort springt er auf, um es zu holen. Einmal längs gefaltet, platziert er die leicht vergilbte Zeitung auf dem Tisch vor seinem Gesprächspartner – genauso, wie er sie bei der Auktion in Burchhorn gefunden habe.
Zeitung von 1898
Wenn man das Deckblatt aufschlägt, liest man in großen Buchstaben: „Louisville Anzeiger Jubiläums Ausgabe“ und das Datum „1. März 1898“. Andere Auktionsbesucher hätten ihm das zehnfache des Preises geboten, den er gezahlt hatte, als sie sahen, was ihnen entgangen war.
Verkaufen gibt es nicht
Aber um Geld geht es Bahlmann nicht. Er würde nie wieder ein Teil verkaufen. „Das Geld, was ich bekomme, wäre irgendwann wieder weg. Aber so bleibt mir der Spaß, den ich dabei habe, wenn ich ein Teil angucke.“
Das erklärt er mit einer Begeisterung in der Stimme, die vermutlich nur derjenige nachvollziehen kann, der sich einmal durch die bis unter die Decke voll gestapelte „Villa Kunterbunt“ hat führen lassen.
„Villa Kunterbunt“ beherbergt unzählige ausgefallene Exponate
Auf den Namen
„Villa Kunterbunt“ hat Josef Bahlmann den Schuppen getauft, in dem sich der größte Teil seiner endlos anmutenden Sammlung befindet. Das meiste steht in Regalen, die so voll sind, dass sie fast die Wände hinter sich verdecken. Dort findet man zum Beispiel eine Dosenschließmaschine. Konservendosen seien früher öfter benutzt worden, erzählt Bahlmann. Man habe nach Gebrauch den oberen Rand abgeschnitten und die neu befüllte Dose zum Handwerker des Dorfes gebracht. Der klemmte die Dose ein und verschloss sie mit dem Gerät wieder.
Auch eine Wärmflasche
aus Porzellan der Firma Rosenthal besitzt Bahlmann. Die hat die Form einer Thermoskanne und ist vermutlich 100 Jahre alt. Fünf Minuten soll man sie laut Aufschrift an die Steckdose anschließen, dann ist sie warm.
Voller Stolz zeigt er auch
eine Tasse einschließlich Untersetzer, auf der ein Spruch vermerkt steht: „Als ich heute früh erwachte, und an meine liebe Schwester dachte, fiel mir der Gedanke ein, heut muß ihr 70. Geburtstag sein“ und darunter der Name der Schwester: Johanna Scholz. Im Jahr 1887 habe eine Vorfahrin diese ihrer Schwester zum Geburtstag anfertigen lassen, erzählte die Händlerin Bahlmann. Fast jedoch wäre aus dem Kauf nichts geworden, weil der Kneheimer nicht genügend Geld bei sich trug. Aber er muss einen guten Eindruck hinterlassen haben, denn sie vertraute ihm die Tasse sowie ihre Adresse an: Er schickte ihr später als Dankeschön 50 statt der verlangten 40 Euro.
Auch auf dem
Cloppenburger Hobbymarkt könne er bei vielen Händlern einkaufen, auch wenn das Geld einmal nicht reiche. In den zurückliegenden 25 Jahren habe er nur zwei Märkte verpasst. Wenn sie etwas Antiquares verkaufen wollen, würden viele Händler ihm vorweg ein Bild schicken und den Gegenstand auf Wunsch reservieren.
Auch die Kleinanzeigen
durchsucht Bahlmann gelegentlich. In diesem Frühjahr ist er auf einen hölzernen Kinderwagen aufmerksam geworden. 1895 habe ihr Vorfahre den Wagen für seine beiden Urenkel gebaut, hat Bahlmann die um weitere drei Generationen jüngere Verkäuferin erzählt.
Mit Geschichten
wie dieser ist die „Villa Kunterbunt“ gefüllt bis unter die Decke. Wenn Bahlmann bei einem Rundgang erklärt, wofür dieses und jenes Teil genutzt wurde, wird Geschichte lebendig.