CLOPPENBURG - Wenn es dunkel wird in der Stadt, schlägt die Stunde von Hannelore Warmhold. Schwarzer langer Mantel, Filzhut, eine Hellebarde – eine Hieb- und Stichwaffe zur Verteidigung – in der einen Hand, eine Lampe in der anderen: So streicht sie nachts durch Cloppenburg, wie vor rund 200 Jahren Franz Mettingen, der Nachtwächter. „Bei uns ist es wie bei Shakespeare: Die Frauen müssen auch die Männerrollen übernehmen“, scherzt Warmhold.
Seit 2007 bietet die 63-Jährige als Gästeführerin beim Verein „Zweckverband Erholungsgebiet Thülsfelder Talsperre“ Kostümführungen in der Stadt Cloppenburg an – mal schlüpft sie in die Kluft des Nachtwächters, mal ist sie als Magd Marie, mal als Stadtschreiber unterwegs.
An der „Keimzelle der Stadt Cloppenburg“ trifft sie sich mit ihren Gästen: auf der Soestebrücke. Hier trafen die Heerstraßen aus Tecklenburg und aus Friesland aufeinander und führten gemeinsam weiter. Warmhold berichtet, wie Cloppenburg aus den Siedlungskernen Krapendorf und Cloppenburg entstanden ist, wie Cloppenburg an Oldenburg gefallen ist und dass es auch für einige Jahre französisch war.
„Egal, wo ich war: Die Geschichte der Orte hat mich immer fasziniert“, sagt Hannelore Warmhold. Schon im alten Haus in Emstek, in dem sie aufgewachsen ist, faszinierte sie der Gewölbekeller, einen Schatz bargen für sie auch die alten Bücher, die sie dort fand. Eine wahre Fundgrube bot sich ihr während ihrer Ausbildung zu Vermessungstechnikerin im Katasteramt in Cloppenburg mit den zahlreichen alten Karten.
Wie die Stadt aber vor 200 Jahren genau ausgesehen hat, sei schwer zu sagen, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern. „Cloppenburger sind nie pfleglich mit ihren Dokumenten umgegangen“, schildert sie die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Brände – Warmhold: „Cloppenburg wurde Neubrandenburg genannt, weil es hier so oft brannte“ – zerstörten viel Papier, vieles wurde weggeworfen. Künstlerische Freiheit musste sie bei ihren Kostümen walten lassen. Diese geschichtliche Interpretation lässt sie gelten, schließlich wisse niemand, wie genau etwa der Nachtwächter gekleidet war.
Keine Ungenauigkeiten leistet sich Warmhold hingegen bei ihren geschichtlichen Schilderungen: „Wenn ich spekuliere, sage ich das auch vorher.“ Viele Informationen, auch für neue Führungen, erhält Warmhold aus dem Hochgartz-Archiv, bei dem sie ehrenamtlich mitarbeitet.
In ihren Führungen habe sie auch den Anspruch, zuweilen „tiefschürfend“ zu sein, „zuweilen sogar anstrengend“, urteilt sie über sich selbst. Schließlich hätten die Gäste einen Anspruch darauf, umfassend und korrekt informiert zu werden.
Wenn es dunkel ist in der Stadt, erzählt die Gästeführerin auch die skurrile Geschichte des Schließers im Gefängnis, das damals auf dem Gelände des heutigen Park-Hotels stand. Als der 40-jährig gestorben war, sollten die Cloppenburger ihren nachbarlichen Pflichten für die Beerdigung nachkommen. Sie weigerten sich aber und sollten deshalb ins Gefängnis geworfen werden. Das konnten die einfallsreichen Cloppenburger vermeiden, indem sie ein leeres Salzfass eingruben. Warum, ist bis heute unklar. Das liegt im Bereich der Spekulation.
Die nächste Führung „Wem die Stunde schlägt“ ist am 30. September. Treff ist um 20 Uhr an der Soestebrücke. Eine Anmeldung ist erforderlich.
