Collstede - Der große Erdhaufen am Rand des Betriebsgeländes der Straßenbaufirma Lehde im Gewerbegebiet Collstede sieht vom Weiten aus wie ein Schweizer Käse: Dort, wo ein Teil des Hügels abgebrochen ist, ist die „Steilwand“ übersät mit Löchern. Und rund um den Hügel ist mächtig was los. Etliche Schwalben kreisen über dem Hügel, rasen dann auf die Löcher im Hügel zu und verschwinden dann in den Löchern. Aber die Tiere sind auch vorsichtig. Kommt man dem Hügel zu nahe, wird der Start- und Landebetrieb unverzüglich eingestellt. Stattdessen gibt es Warnrufe von den Schwalben, die noch in der Luft sind.
Aufgefallen sind die vielen Löcher im Hügel Daniela Aßmann von der Firma Lehde in der vergangenen Woche. Eigentlich hatte das Unternehmen mit dem Erdhügel ja noch etwas vor. Daraus wird jetzt aber nichts. Solange die Schwalben sich dort eingenistet haben, bleibt die Erde da, wo sie ist. Man werde sich die benötigte Erde dann eben woanders besorgen.
Aber was zieht die Schwalben ausgerechnet in ein Gewerbegebiet? Da wäre zum einen der Nistplatz. Bei den Schwalben handelt es sich offenbar um Uferschwalben. Die haben erdbraune Federn auf dem Rücken und weiße Federn auf der Bauchseite mit einem braunen Band auf der Brust. Und die Uferschwalbe braucht Steilkanten aus festem Sand oder lehmige Böden, in die sie ihre Brutröhren bauen können. Vornehmlich findet man die Uferschwalbe daher an Steilufern oder auch an Abbruchkanten in Kies- oder Lehmgruben. Bekannte Brutstätten von Schwalben finden sich zum Beispiel an den Steilküsten auf Rügen, Usedom und Sylt.
Außerdem dürften die Uferschwalben genug zu fressen in der Umgebung finden. Zwar liegt der Erdhügel in einem Gewerbegebiet, direkt gegenüber liegt aber eine Blühwiese, etwas weiter eine Wasserfläche. Dort können sich die Schwalben im Tiefflug auf die Jagd nach Insekten begeben. Getrunken und gebadet wird übrigens auch im Flug: Dazu fliegen sie sehr tief über die Wasseroberfläche.
Der natürlich Lebensraum der Uferschwalbe schrumpft. Weil in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Flussläufe begradigt wurden, gibt es dort kaum noch Platz für die Vögel. Kiesgruben – oder eben Erdhügel – sind meistens instabil und bestehen nicht sehr lang. So kommt es, dass die Population der Uferschwalben über die Jahre extrem schwankt und die Uferschwalbe auf der roten Liste steht.
Ihr Sommerquartier in Deutschland beziehen die Schwalben übrigens in der Zeit von April bis September. Danach begeben sie sich über den Winter in wärmere Gefilde und verbringen die Zeit in Afrika.
