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Große Sommerserie Zusammenhalt prägt altes Schusterdorf

Astrid Kretzer Werner Meiners

COLNRADE - „Es macht Spaß, hier zu leben.“ Anne Wilkens-Lindemann fühlt sich pudelwohl in der kleinen Gemeinde am südlichen Rand des Landkreises Oldenburg, direkt angrenzend an die Kreise Diepholz und Vechta: idyllisch gelegen an der Hunte, umgeben von Grün. Einen Dorfbäcker gibt es hier in Colnrade in der Samtgemeinde Harpstedt, eine alte Dorfkirche, einen Kanuanleger und ein Heuhotel, ein Dorfgemeinschaftshaus, reges Vereinsleben, einige Gewerbebetriebe. Eine kleine Einheit, auch „weil wir hier einen Ortskern haben mit Kirche. Das prägt“, weiß die Colnrader Bürgermeisterin.

820 Seelen leben in der Gemeinde, gut die Hälfte im Hauptort Colnrade, einstmals als Schusterdorf bekannt. Einmal im Jahr aber drängen sich Tausende in den kleinen Dorfgassen. Dann wird Colnrade zum Handelsdorf: Es ist Hökermarkt. 20 000 Besucher aus der ganzen Region lockt das Spektakel Jahr für Jahr am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, an; dann wird gestöbert, gestaunt, gefeilscht. Entstanden ist das Ganze 1997 aus einer privaten Idee. Doch längst ist das gesamte Dorf involviert: Die Organisation wird durch freiwillige Helfer getragen. Umsetzbar sei das nur, weil Einwohner und örtliche Vereine an einem Strang zögen, sagt die Bürgermeisterin: „Man muss den Ort gestalten mit geringen Mitteln.“

Erste Schule 1663

Woher dieser Zusammenhalt? Wohl auch durch eine im Laufe der Historie wechselnde kommunale Zugehörigkeit und die Nähe zu Nachbarkreisen, vermutet die Bürgermeisterin: „Es ist ein bisschen wie eine Insellage.“

Das mittelalterliche Kirchspiel Colnrade gehörte bis zur Reformation zum Archidiakonat Sulingen der Diözese Minden. Die Grenze zwischen der Vogtei Harpstedt und dem Kirchspiel Colnrade wurde im Mittelalter durch den vom Emsland nach Thüringen führenden „Folcwech“ gebildet, der bei Hölingen die Hunte überquerte. Das Kirchspiel wurde im Gegensatz zu den anderen Mitgliedsgemeinden der heutigen Samtgemeinde Harpstedt erst 1820 an das Amt Harpstedt angeschlossen. Um 1370 wird es zwar schon einmal als Teil der hoyaschen Vogtei Harpstedt erwähnt und ebenso 1530 als Teil des hoyaschen Amtes Ehrenburg. Diese Angaben beziehen sich aber wohl nur auf die hoyaschen Untertanen im Kirchspiel, denn seit dem 14. Jahrhundert setzten sich die Edlen (seit 1534 Grafen) von Diepholz mehr und mehr als Territorialherren durch. Doch blieben ihre Ansprüche nicht unbestritten, und nach Hoheitsstreitigkeiten mit dem Hochstift Münster mussten sie 1383 die münsterische Oberlehnsherrschaft über das Gogericht Sudholte bei Goldenstedt anerkennen. Da diesem Gogericht auch Colnrade unterstand, beanspruchte das Stift Münster hoheitliche Rechte im Kirchspiel, was bis zum Vergleich der Rechtsnachfolger Hannover und Oldenburg im Jahre 1817 wiederholt zu Zwischenfällen führte, besonders gegen Ende des 16. Jahrhunderts. In der Grafschaft Diepholz bildete Colnrade eine Untervogtei der Vogtei Barnstorf.

Die Reformation wurde 1528 eingeführt. Mit der Grafschaft fiel das Kirchspiel 1585 an das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, später an Calenberg-Hannover (Amt Diepholz). Im Dreißigjährigen Krieg war Colnrade besonders stark von Truppendurchmärschen und Einquartierungen betroffen; fast alle Häuser waren anschließend zerstört oder verfallen. Unter französischer Herrschaft gehörte Colnrade 1811-1813 zur Mairie Visbek, Kanton Wildeshausen, Arrondissement Quakenbrück im Oberems-Departement. Nach der endgültigen Regelung der Hoheitsverhältnisse 1817 wurde das Kirchspiel 1820 dem hannoverschen Amt Harpstedt angegliedert (ohne das erst 1817 vom Kirchspiel Goldenstedt gewonnene Rüssen). 1840 bis 1851 wurden im Kirchspiel die Gemeinheitsteilungen durchgeführt (Verkoppelungen 1891-1907). Nach Auflösung des Amtes Harpstedt 1859 gehörte die nunmehrige Landgemeinde Colnrade zum Amt Freudenberg, 1885-1932 zum Kreis Syke und dann bis 1977 zum Landkreis Grafschaft Hoya. Ein Antrag auf Eingliederung in die Stadt Wildeshausen blieb 1971 erfolglos.


Die Gemeinde nahm seit 1945 eine große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen auf, die sie in den 1950er Jahren angesichts des zu geringen Arbeitsplatzangebots zum großen Teil wieder verließen. Der katholische Bevölkerungsanteil beruht fast völlig auf der Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Der liberale Europapolitiker Wilhelm Heile (1881-1969) war 1945 in Colnrade als Bürgermeister tätig. Heute ist Colnrade eine ländliche Wohngemeinde mit Kleingewerbe für den örtlichen Bedarf. Seit 1955 führt die Gemeinde in ihrem Wappen den Beckstedter „Sonnenstein“.

Das Kirchdorf Colnrade wird erstmals 1348 als „Coldenrhade“ erwähnt, ist jedoch vielleicht identisch mit dem bereits 872 erscheinenden „Golariede“. Es entstand am hohen rechten Ufer der Hunte, die hier schon früh auf einer Brücke überquert werden konnte. Die mittelalterliche St.-Marien-Kirche wird erstmals 1291 erwähnt. Der heutige Bau wurde 1856-1858 errichtet, wobei der untere Teil der alten Turmmauer erhalten blieb. Eine Schule bestand bereits 1663; das Schulgebäude wird 1737 erstmals erwähnt. 1827 wurde ein neues Schulgebäude errichtet (1903 erneuert, 1961 Neubau), 1976 die Schule aufgelöst.

58 Einwohner in 1740

Als einziges Handwerk mit Absatz außerhalb des Kirchspiels wurde im 18. und 19. Jahrhundert die Schuhmacherei betrieben, weshalb der Ort als „Schusterdorf“ galt. Auf dem „Colnrader Schusterweg“ transportierten die Schuhmacher ihre Produkte über Harpstedt nach Bremen. Das Dorf hatte 1740 15 Feuerstätten und 58 Einwohner, 1821 33 Feuerstätten und 195 Einwohner, 1998 404 Einwohner. Austen an der Hunte wird erstmals um 1080/88 als „Eishuson“ erwähnt. 1821 hatte das Dorf 5 Feuerstätten und 35 Einwohner, 1905 12 Wohngebäude und 73 Einwohner. Ostersehlt, früher Osterseelte, erscheint erstmals 1346 als „Osterselde“. Hier bestand um 1650 ein Hof.

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