Wildeshausen - Den Kastanien in Wildeshausen und Umgebung geht es schlecht. Ihre Blätter sind braun und fallen im Sommer schon ab. Notblüten, die dem Frost anheim fallen, sind oftmals die Folge. Beobachten kann man das zum Beispiel am Seniorenweg, dieser wunderschönen Kastanienallee direkt an der Hunte. „Hier haben wir schon seit längerem mit der Miniermotte zu tun, die quasi das Grün aus den Blättern frisst“, erläutert Bauhofleiter Jörg Kramer.

Hier hilft es nur, das Laub zu verbrennen, um die Verbreitung des Schädlings zu erschweren. „Die meisten Bäume kommen zum Glück trotz Raupenbefall durch“, konstatiert Kramer.

Die Globalisierung macht Annegret Schütt, Wildeshauser Garten- und Landschaftsplanerin, als eine der Ursachen für den zunehmenden Schädlingsbefall aus. „Der Mensch ist der größte Quarantänebrecher“, sagt sie. Während fremdländische Schädlinge früher bei oft wochenlangen Überfahrten von Waren abgestorben seien, überständen sie kürzeste Transporte in der modernen vernetzten Welt oft unbeschadet.

Doch die Minierraupe ist neben dem Rost nicht der schlimmste Feind der hiesigen Kastanien. Keine Chance haben die Bäume, wenn sie von einem gefräßigen Bakterium mit dem sperrigen Namen Pseudomonas syringae pv. aesculi befallen werden, das derzeit bundesweit sein Unwesen treibt. Blutende Rinden und aus offenen Wunden tretender Schleim haben bereits Olaf Schachtschneider vom gleichnamigen Pflanzenhof in Aschenstedt auf den Plan gerufen. Nicht nur in Hude hat er die Rosskastanienplage bereits festgestellt. „Die Kastanien bei uns sterben bereits seit Jahren und das tut sehr weh, denn da sterben Kindheitserinnerungen“, bedauert der Gartenexperte. Der beliebte Baum habe nicht nur eine schöne Blüte und unverwechselbare Blätter, sondern auch tolle Früchte für das herbstliche Basteln.

Warum das Bakterium, das in den 70er Jahren erstmals in Indien registriert wurde, sich jetzt rasant in Europa ausbreitet, weiß niemand. Wie und wann das Bakterium infiziert, und welche Umweltbedingungen förderlich sind, ist ebenfalls unklar. Auch ein Gegenmittel gegen den „Bakteriellen Schleimfluss“ bzw. die „Pseudomonas-Rindenkrankheit“ gibt es nicht. Demgemäß bringt es nichts, alle betroffenen Bäume überhastet auszumerzen. Gefällt werden sollten sie vielmehr nur, wenn sie die Verkehrssicherheit gefährden.


Bei allen Unklarheiten spielt eine wichtige Rolle im aktuellen Drama laut Schachtschneider jedoch der Klimawandel. „Unsere ganzen einheimischen Bäume kommen mit der Klimaveränderung nur schwer klar“, sagt er. Dieses Problem sei in den letzten Jahren wohl etwas tot geschwiegen worden. „Die Eschen sterben, die Eichen hatten in den vergangenen Jahren große Probleme mit Mehltau und Eichenspinner, und die Buchen kommen gegen allzu heiße Sommer nicht an“, listet der Gartenexperte auf. Anders als Menschen könnten Bäume eben nicht bei großer Hitze ins Kühle gehen oder sich bei eisiger Kälte einen Pullover überstreifen.

Kastanien verkauft Schachschneider deshalb gar nicht mehr. Generell rät er dazu, lieber fremdländische Pflanzen aus dem Kaukasus oder Nordamerika zu pflanzen. Roteiche, Rotahorn oder Douglasie beziehungsweise der kolchische Ahorn aus dem Kaukasus seien geeignete Alternativen für extremere Witterungsbedingungen.

Streichholzmännchen kann man aus deren Früchten allerdings ebenso wenig basteln wie romantische Abende unter einem weißen Blütendach verbringen.