DELMENHORST - Zum Abschluss war es noch einmal richtig voll geworden. Rund 40 Besucher leitete Führerin Anne Fischer an diesem Sonntag über das Gelände der Nordwolle sowie durch das Industriemuseum, bevor das Museum sich nun für zwei Wochen in die Sommerpause verabschiedet. Zu sehen gab es für die Besucher die alte Lahusen-Villa, endlich auch wieder mit fertig restaurierter Fassade.
„Wolle“ wird Taktgeber
Der Besucherstrom machte wieder einmal deutlich: Kein Akteur hat die Stadt dermaßen geprägt, kein Name hat sich so unwiederbringlich ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingegraben wie die „Nordwolle“, die 1884 gegründete Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei. Seit ihrer Gründung agierte sie praktisch als Taktgeber für die Stadtentwicklung, sie bewirkte sowohl Aufschwung als auch Niedergang. Ihre Bedeutung blieb dabei nicht nur auf Delmenhorst beschränkt. Durch ihren Konkurs im Jahr 1931 wurde sie zum Synonym der Weltwirtschaftskrise von 1929 und somit auch zu einem der Sargnägel der Weimarer Republik.
Doch Wirtschaftskrisen gab es nicht nur damals, wie ein morgendlicher Blick in die Tageszeitung verdeutlicht. Gerade diese Tatsache könnte jedoch neue Chancen für Delmenhorst bieten, zumindest was das akademische Leben betrifft. Denn welche Erkenntnisse lassen sich aus der damaligen Zeit, als Reichskanzler Brüning eine harte Sparpolitik forcierte, auf die Gegenwart übertragen?
Neues Leben
Eine Frage, die nun im Delmenhorster Museum für Industriekultur diskutiert werden soll. So kündigte Hans-Hermann Precht, Leiter des Nordwestdeutschen Museums der Industriekultur bereits für den November ein Forum an, auf dem diesen Fragen nachgegangen werden soll.
Es ist nur ein Beispiel für die anvisierte bzw. bereits laufende Neuausrichtung des Museums, mit der Hans-Hermann Precht dem Museum neues Leben einhauchen will. So sollen durch spezielle Themenführungen, wie beispielsweise am Internationalen Frauentag bereits geschehen, neue Zielgruppen erschlossen werden. Auch bislang akademisch nicht ausgereizte Themen, wie besagte Weltwirtschaftskrise und Delmenhorsts Rolle in dieser sowie der Einfluss der industriellen Entwicklung auf das Leben der Menschen sollen im Museum ihren Platz finden.
Zudem soll der Fokus nicht mehr allein auf der Vergangenheit liegen, sondern auch die Zukunft mit einschließen. So plant Precht die Etablierung eines Kreativ- und Kompetenzzentrums Textil, bei dem durch Einbringung alten Wissens Neues entstehen soll.
Und so hat die „Wolle“ auch heute noch das Potenzial, das sie knapp 100 Jahre für Delmenhorst hatte: als Taktgeber. Diesmal hoffentlich für den Aufschwung.
