NWZ
berichtete im Dezember 2010, kurz vor Beginn der Sanierungsarbeiten, über das abenteuerliche Unterfangen von Aline und Herwig Reus aus einem arg heruntergekommenen, unter Denkmalschutz gestellten Privathaus, ein wahres Schmuckstück zu machen. Im Oktober 2011 zog das Paar ein und hat seitdem keine Sekunde bereut.Selbst Hand angelegt
„Der Flur mit den bleiverglasten Fenstern, der hölzerne Treppenaufgang, die Sprossenfenster und dieses Urgemütliche haben mir am besten gefallen“, erinnert sich Aline Reus an ihren ersten Eindruck. „Das Haus hatte ein ganz besonderes Flair“, ergänzt Ehemann Herwig. Die siebenmonatige Sanierungsphase sei anstrengend gewesen: „Jedes Wochenende und jeder Urlaub ging für das Haus drauf“, erzählt der 42-jährige Marketingspezialist, der in mühseliger Handarbeit verklebte Linoleumböden vom Holzboden kratzte, Wände von ihren Holz-Stroh-Isolierungen befreite und alte Kandelaber aufpolierte. „Mein Mann hat sich zu einem richtigen Bauexperten entwickelt“, lacht Aline Reus.
„Aber auch alle Handwerker hatten extrem viel Spaß an diesem Haus“, sagt der gebürtige Oberbayer. Einen wahren Glücksgriff hätten sie mit ihrem Architekten Heinz-Peter Wernicke aus Cloppenburg gemacht. „Der Mann hat ein exzellentes Verständnis für Bauphysik“, schwärmt Herwig Reus. In Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden habe Wernicke immer wieder Kompromisse gefunden zwischen Alt und Neu. Katastrophen? „Zum Glück keine.“
„Viel verändert haben wir eigentlich nicht“, stellt die 35-jährige Hausherrin fest. Eine Wand im etwa 1938 errichteten Anbau wurde eingerissen und ein Durchgang versetzt, so die in Plauen/Sachsen geborene Rechtsanwältin. Erhalten werden konnten unter anderem die Delfter Küchenfliesen, die Holzwandverkleidungen, das Fachwerk an der Außenfassade. Nicht zu retten war dagegen die einfach verglasten Holzfenster und das massive Eichenholzparkett in der Wohnstube. Ein Wasserschaden hatte in dem lange leer stehenden Gebäude für schwere Schäden gesorgt. „In Oldenburg haben wir einen Hersteller gefunden, der uns das Parkett originalgetreu angefertigt und geschnitten hat.“ Auch verlegt wurde es wieder im Fischgrätenmuster. Völlig erneuert werden mussten zudem sämtliche Strom-, Wasser- und Wärmeleitungen.
Tolles Raumklima
Ins Schwärmen gerät das Paar von seinem neu gewonnen Raumklima. Die Kombination aus Fußleistenheizung, Wärmetauscher und kontrollierter Wohnraumlüftung sei einfach ideal: „Wir haben nicht ein zugige Ecke im Haus“, sind die Reus’ stolz auf ihr Niedrigenergiehaus. Die Verknüpfung vom Altem und Modernem lässt sich überall auf den 150 Quadratmetern Wohnfläche entdecken: Der moderne Küchenblock paart sich ideal mit dem alten – jetzt aufgearbeiteten – Esszimmerstühlen, die ihre Vorbesitzerin zurückließ; das stilvolle Badezimmer mit Großraumdusche mit dem abgeschliffenen Dielenboden.
Die Veränderungen an dem ursprünglichen Ferienhaus einer Hoteliersfamilie locken viele Schaulustige an. „Hier hat sich ein richtiger Bautourismus entwickelt“, nimmt es Herwig Reus, der schon so manch spontane Baustellenführung hinter sich hat, gelassen. „Es ist einfach schön Bestätigung von denen zu bekommen, die hier vorbeigehen.“ Darunter seien auch Leute, die den vorletzten Besitzer, ein aus Preußen vertriebener Freiherr von Damm, noch kannten. Aus seiner Zeit und der davor fanden sich sogar unerwartete Schätze. Dazu gehören ein eingemauerter Tresor, eine hinter zwei Tapetenschichten versteckte Geheimtür zu einer Kammer und alte Zeitungsschnipsel aus dem vorigen Jahrhundert, die zum Ausgleich wackelnder Schränke dienten.
Bei den Sanierungskosten blieb Ehepaar Reus innerhalb seines gesteckten Budgets von 200 000 Euro. „Ein Neubau wäre uns günstiger gekommen“, bilanziert der 42-Jährige. „Aber wir wollten ja ein altes Haus“, fügt seine Frau hinzu. „Wir fühlen uns hier richtig wohl und wurden von allen toll aufgenommen.“
Sobald es der Geldbeutel wieder zulässt, sollen noch die alte Scheune und der Dachboden hergerichtet werden. Auch ein Kamin steht auf der Wunschliste.
Doch zunächst steht ein ganz anderes „Projekt“ auf dem Plan. Im Oktober erwartet das Paar sein erstes Kind. Herwig Reus strahlt: „Dann haben wir auch eine Prinzessin für unser Schloss.“
