Frankfurt - Für das gleiche Geld müssen Frauen drei Monate länger arbeiten als Männer. Diese Nachricht sorgt seit Jahren für Aufregung in Deutschland. 22 Prozent beträgt hierzulande die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, daran hat sich in den vergangenen zehn Jahren auch nichts verändert. In diesem Jahr mussten Frauen bis zum 21. März arbeiten, um auf das Gehalt zu kommen, dass ihre männlichen Kollegen bereits am Ende des Jahres 2013 verdient hatten. Die Botschaft des sogenannten Equal Pay Day ist: Frauen werden in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.
Eine Botschaft mit politischem Auftrag. Nur: Wie sich die Ungleichheit beim Einkommen beseitigen lässt, ist umstritten – auch unter Forschern. So lassen sich für Andrea Hammermann vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Verdienstunterschied weder Geschlechter-Diskriminierung noch die Notwendigkeit einer Frauenquote in Unternehmen ableiten. „Es ist nicht so, dass Frauen für gleiche Arbeit ungleich bezahlt werden“, sagt die Wirtschaftsforscherin des von Arbeitgeberverbänden finanzierten Instituts. „Sie nehmen anders am Erwerbsleben teil und verdienen dadurch weniger.“
Anders teilnehmen heißt zum Beispiel: Frauen arbeiten häufiger in Berufen, die von vornherein schlechter bezahlt sind.
In Tarifverträgen und in den BAT-Verträgen des öffentlichen Dienstes wird nicht nach Geschlecht unterschieden – Erzieherin und Erzieher verdienen auf gleicher Stelle gleich, genau wie Flugkapitänin und Flugkapitän. „In den niedrig bezahlten Pflegeberufen und im Gastgewerbe arbeiten aber überwiegend Frauen, in besser bezahlten technischen Berufen mehr Männer“, sagt Hammermann. „Das unterschiedliche Lohnniveau erklärt einen Großteil der Verdienstunterschiede.“ Aber die Berufswahl sei in Deutschland zum Glück frei.
„Innerhalb dieser Branchen arbeiten Frauen dann oft noch in niedrigeren Positionen als Männer“, sagt Walter Jochimiak vom Statistischen Bundesamt. „Außerdem arbeiten sie häufiger in Teilzeit und kommen durch Babypausen auf weniger Dienstjahre als Männer.“ Und damit offenbar weniger häufig auf höher vergütete Stellen. Deshalb haben die Statistiker zum einen die Bruttomonatsgehälter von Männern und Frauen verschiedener Berufe zusammengerechnet und verglichen – und 22 Prozent Unterschied aufgedeckt. Aber sie haben auch einen bereinigten Lohnabstand ausgerechnet, für den Männer und Frauen mit ähnlichen Qualifikationen und Stellen verglichen wurden. „Auch der beträgt noch sieben Prozent, die sich eben nicht durch Berufswahl, Babypausen und Arbeitszeiten erklären lassen“, sagt Jochimiak.
Hammermann sieht den bereinigten Lohnunterschied nur bei zwei Prozent. Sie sagt, um Frauenverdienste zu erhöhen, helfe vor allem eine verlässliche Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeitmodelle in Unternehmen.
Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in Düsseldorf zieht andere Schlüsse. „Es muss doch auch zur Diskussion stehen, warum die Arbeit in frauentypischen Berufen wie Altenpflegerin oder Erzieherin weniger wert ist als die in einem technischem Beruf mit ähnlichem Ausbildungsaufwand“, sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs.
In einer Onlinebefragung des WSI gaben Frauen zudem fast durchweg niedrigere Einkommen an – in Branchen mit und ohne Tarifvereinbarung. „Es bleibt ein Rest Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen, der sich nicht wegrechnen lässt“, sagt der Volkswirt. „Es ist auch diskussions- und kritikwürdig, dass Familie für Frauen häufiger einen Karriereknick bedeutet als für Männer – dafür braucht es Gesamtzahlen und Daten wie den Equal Pay Day.“ Und auch eine gesetzliche Frauenquote, „denn freiwillig ändert sich zu wenig“.
