Hude - „Wenn ich für einen Tag ein Mann wäre, würde ich ein Bier trinken gehen“, sagt Elisabeth Loch. „Dabei mag ich eigentlich gar keines“, gesteht sie lachend. Nein, sie sei schon gerne eine Frau, erklärt die Leiterin der Huder Diakonie-Sozialstation. Trotz und wegen allem.
Geboren und aufgewachsen ist die 45-Jährige in Oberschlesien. Sie erinnert sich an wenig Freiheit, die junge Mädchen zu ihrer Zeit hatten. Heute sei das anders in Polen – in Deutschland sowieso. Aber wie sieht es in anderen Teilen der Welt aus, wo religiöse und patriarchalische Strukturen das Leben der Frauen vorbestimmen?
Nicht gleichberechtigt
Auch dort wird am 8. März der Weltfrauentag gefeiert. In einigen Ländern wird demonstriert, in anderen bekommen Frauen Blumen geschenkt. Seit mehr als hundert Jahren ist dieses Datum Anlass für viele Organisationen, die Rechte des „schwachen Geschlechts“ einzufordern.
Lebt Elisabeth Loch in einem gleichberechtigten Land? Sie überlegt, nickt zögerlich, blickt nach rechts und links.
Neben ihr sitzen drei Frauen unterschiedlicher Generationen und Lebenswege. Da ist Verena Jassmann-Meyer, 31 Jahre, ausgebildete Tagesmutter mit zwei Kleinkindern. Während ihr Mann arbeitet, ist sie für Haushalt und Kinder zuständig. „Aber am Wochenende muss er auch ran – kochen und staubsaugen. Anders käme es auch nicht in Frage“, sagt die Huderin.
Ihr Gegenüber nickt. „Für mich hat Gleichberechtigung vor allem mit einer gegenseitigen Wertschätzung zu tun“, sagt Barbara Wurmsee. Und „genau gleich“ sollten Männer und Frauen nach Ansicht der Psychotherapeutin ohnehin nicht behandelt werden. „Einfach, weil sie so verschieden sind“, erklärt die 57-Jährige.
Heute, wo Frauen alles können und sollen: Karriere machen, den Haushalt schmeißen, eine gute Mutter und perfekte Tochter sein, sich selbst verwirklichen, entstünde eine Art „fehlgeleitete Emanzipation“. „Noch nie“, sagt die 57-Jährige, „saßen so viele ausgebrannte Frauen bei mir in der Praxis.“ Dennoch, in einer anderen Zeit würde sie nicht Frau sein wollen.
Bessere Zeiten
„Heute habe ich die Freiheit, zu entscheiden, wie und mit wem ich leben will“, stimmt Elisabeth Loch ihr zu. Ihre 16-jährige Tochter hätte ganz andere Möglichkeiten, als sie selbst damals.
„Wenn ich da an meine Eltern denke – es wäre unmöglich gewesen, wenn nichts zu essen auf dem Tisch gestanden hätte, als mein Vater nach Hause kam“, wirft Karin Eichler ein. Als Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Hude, hat die 61-Jährige aber auch an der Gegenwart einiges zu bemängeln: „Frauen in Führungspositionen – sofern sie überhaupt welche besetzten – verdienen sehr viel weniger als Männer mit den gleichen Qualifikationen“. In der Gemeinde gäbe es „exakt eine Fachbereichsleiterin“. Viel zu wenig, findet die Huderin.
Das gilt aber nicht nur für leitende Stellen – unterhalb der Chefetage ist die Situation oft genau umgekehrt. „Es gibt kaum Erzieher oder Tagesväter. Wenn ich meine Kleinen in den Kindergarten bringe, sehe ich dort nur Frauen“, sagt Verena Jassmann-Meyer. Grund dafür, sei die Unterbezahlung, fährt die junge Mutter fort. Dabei wäre es so wichtig für Aufwachsende, nicht nur von Frauen erzogen zu werden.
Ob sie ihre Tochter anders als deren kleinen Bruder behandle, vermag die 31-Jährige nicht zu sagen. „Eigentlich nicht“, meint sie. Vieles wäre ganz automatisch da. Dann erzählt sie lachend von den neuen Schuhen, auf die ihre Fünfjährige so stolz gewesen sei. Eben „typisch Mädchen“. Von beiden Geschwistern sei sie aber die „Draufgängerin“.
Was bedeutet eigentlich „typisch weiblich“? „Wie Frauen den Pullover ausziehen und dabei darauf achten, dass sie die Frisur nicht ruinieren“, fällt Elisabeth Loch spontan ein. Die anderen lachen: „Stimmt.“ Noch was? „Frauen sind emotionaler“, sagt die Therapeutin. „Frauen quatschen mehr, das würde ich als Kerl vermissen“, überlegt die Tagesmutter. „Männer können direkter sein. Das nimmt denen keiner krumm“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Wenn sie für einen Tag einer wäre, würde sie anders mit ihrem Chef reden. Dinge sagen, die sie sich als Frau nicht traue, verrät sie.
Ein Tag als Mann
Doch, es gibt Unterschiede. Da sind sich alle Vier einig. Aber tauschen würden sie nicht wollen. Auch, wenn Barbara Wurmsee dann endlich eine Tour mit einem 1200er BMW-Motorrad machen könnte. Nicht nur als Beifahrerin. „Für so eine Riesenmaschine habe ich einfach zu kurze Beine“, lacht sie.
Und bei einem Tag Rollentausch? „Ein Bier in der Kneipe trinken und mal zuhören, worüber Männer so reden“, greifen die Frauen Elisabeth Lochs Idee auf. Erstmal aber, können sie mit einem Prosecco anstoßen, schließlich gibt es etwas zu feiern: den Weltfrauentag.
Der 8. März wird weltweit von Frauenorganisationen gefeiert. Er entstand 1910 – in der Zeit des Ersten Weltkriegs – im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Im Laufe der Geschichte änderten sich die Ziele und Arten, den Tag zu feiern immer wieder. Heute ist er in vielen Ländern ein gesetzlicher Feiertag. In der Volksrepublik China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei. Weibliche Mitarbeiter in den neuen Bundesländern werden traditionell von ihren Chefs mit einer Rose beschenkt.
