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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Italiens Wirtschaftskrise: „Der Süden stirbt“

18.08.2015

Rom Geringes Wirtschaftswachstum, hohe Arbeitslosigkeit, kaum Infrastruktur und überall Korruption: Italiens Süden kämpft mit einer Reihe Problemen. Und auch der Graben zwischen Nord und Süd wird immer größer, wie eine Studie des Wirtschaftsinstitutes Svimez vor einigen Wochen enthüllte. Demnach ist das Wachstum im sogenannten Mezzogiorno - dem Süden Italiens - sogar noch geringer als in Griechenland. Seitdem geht ein Aufschrei durch das Land, Politiker und Bürger diskutieren, wie man den Regionen wieder auf die Beine helfen kann.

„Der Süden stirbt“, so lautete der dramatische Notruf des in Neapel geborenen Autors Roberto Saviano. „Alle fliehen, sogar die Mafia“, klagte der 35-Jährige in einem offenen Brief an Regierungschef Matteo Renzi und forderte: „Sie haben die Pflicht einzugreifen.“ Renzi konterte, der Süden solle aufhören, sich selbst zu bemitleiden. „Schluss mit dem Gejammer: Krempeln wir die Ärmel hoch“, forderte er.

Dennoch hat die Politik offenbar verstanden, dass sie handeln muss. „Nachdem es 20 Jahre lang keine Strategie für den Mezzogiorno gab, muss man sagen, dass die Frage Süditaliens keine süditalienische Frage ist, sondern eine des gesamten Landes“, sagte Verkehrsminister Graziano Delrio. Und auch die Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, versprach einen „Marschall-Plan“ und 80 Milliarden Euro für die Infrastruktur in den südlichen Regionen.

Denn die von Svimez veröffentlichten Zahlen schockierten viele Italiener: Demnach liegen die südlichen Regionen weit hinter dem Rest des Landes zurück. Nur um etwa 13 Prozent legte die Wirtschaft im Süden Italiens im Zeitraum von 2000 bis 2014 zu, das ist knapp halb so viel wie in Griechenland.

Auch die wirtschaftlichen Ungleichheiten innerhalb Italiens nehmen zu, sie liegen der Studie zufolge auf dem höchsten Level seit 2000. Während das Pro-Kopf-Einkommen im Süden auf unter 17 000 Euro im Jahr gefallen ist, sind es in Südtirol 37 000 Euro. Arbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem, unter den jungen Menschen sind etwa 60 Prozent ohne Job. „Wer gut ausgebildet ist, wandert aus“, warnte Saviano.

„Viele junge Leute haben Probleme, Arbeit zu finden. Sie helfen als Handwerker oder Kellner aus, aber haben keine festen Jobs“, berichtete der 33-jährige Luigi, der in Kalabrien lebt. „Man kann sich keine Zukunft aufbauen, viele überleben nur mit der Unterstützung ihrer Großeltern.“

Die Forscher von Svimez warnen vor einem „demografischen Tsunami mit unvorhersehbaren Folgen“. „Es gibt weniger Geburten, weil es zum Luxus geworden ist, ein Kind zu haben. Zwei zu haben, gilt schon als Wahnsinn“, sagte Saviano. „Wer geboren wird, wächst mit der Idee auf zu flüchten.“ Dabei sind viele junge Menschen gut ausgebildet. „Es gibt viele gute Universitäten im Süden“, sagte der Wirtschaftsexperte Felice Spingola. „Viele junge Leute studieren, werden dann nicht gebraucht und verlassen die Region.“

Die Probleme sind an jeder Ecke zu sehen: Marode Straßen, verlassene Fabriken, heruntergekommene Häuser. Industrie gibt es kaum, die Menschen leben vor allem vom Tourismus und von der Landwirtschaft. Doch das Potenzial wird oft nicht genutzt, auch die wenigen Firmen haben es schwer, zahlen wegen mangelnder Infrastruktur drauf. Hilfsgelder wurden in der Vergangenheit oft gar nicht abgerufen. „Wir müssen die Ressourcen besser nutzen“, forderte Finanzminister Pier Carlo Padoan.

Doch dem Süden mangelt es nicht an Geld, die Probleme liegen nach Ansicht von Experten vielmehr in der Politik. „Die politische Klasse ist seit 40 Jahren dort. Viele haben ein primäres Interesse daran, ihre eigene Position zu sichern, anstatt die Weiterentwicklung der Region voranzutreiben“, kritisierte Spingola. Mario Caligiuri, der an der Universität Kalabrien zu den Problemen Süditaliens forscht, sagte: „Ein großes Problem ist, dass es die Vertreter des Südens nicht schaffen, die Interessen der Regionen im Parlament zu vertreten. Das ist sehr einfach, aber auch sehr wahr.“

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