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Rollentausch Der Zusteller kennt alle Leser-Wünsche

Christine Henze

Oldenburg - Morgens um 4.15 Uhr mitten in Eversten. Es ist dunkel und kalt. An einem Supermarkt warte ich auf Thomas Sonntag. Der 55-Jährige ist Zusteller der Nordwest-Zeitung, seit 2 Uhr im Einsatz und hellwach. In seinem dritten Bezirk stellen wir gemeinsam die Zeitungen zu.

Dafür verstauen wir 63 Exemplare sowie mehrere Exemplare anderer Zeitungen, die an diesem Supermarkt abgelegt wurden.

22 Jahre dabei

Zu diesem Platz kehren die Zusteller immer wieder zurück, um weitere Zeitungen aufzuladen. Mit einer Tour bekäme er längst nicht alle Zeitungen mit, erklärt der Mann mit dem dunklen Haar und der schlanken Figur. Auf dem Kopf hat er eine Stirnlampe, über einer Sweatjacke trägt er eine gelbe Warnweste.

Als Unterstützung dient ihm ein in die Jahre gekommenes Fahrrad. Die Zeitungen verstauen wir in riesigen Taschen am Gepäckträger. Dann müssen wir los. Für Erklärungen bleibt keine Zeit, denn bis 6 Uhr müssen wir fertig sein.

Seit 1991 arbeitet Thomas Sonntag für die Zustellgesellschaft. Über einen Aushang im Studentenwohnheim war er auf die Tätigkeit aufmerksam geworden. Das frühe Aufstehen mache ihm mittlerweile nichts mehr aus.


Mir schon. „Man braucht etwa ein halbes Jahr, bis man sich an diesen Arbeitsbeginn gewöhnt hat“, sagt Thomas Sonntag lächelnd.

Im Eiltempo und mit Warnwesten ausgestattet, laufen wir von Haus zu Haus und verteilen die Zeitungen. Der fünfte Hauseingang ohne Licht. Die sechste Auffahrt, die sich meterlang hinzieht. Spätestens an dieser Stelle wird mir bewusst, wie anstrengend die Zustellung ist.

Zusätzliche Zeitung

Zwei Bezirke hat Thomas Sonntag schon hinter sich. Die Uhr im Blick habe er immer, berichtet er. Etwa 210 Zeitungen sind es täglich. An jedem Donnerstag beliefert er zusätzlich alle Haushalte, die keine NWZ -Abonnenten sind, mit der „Oldenburger Woche“.

An diesem Freitag sind zwei Beilagen in die Zeitungen einsortiert. Eine Herausforderung. Denn für Beilagen sind die meisten Briefkästen nicht konzipiert. Immer wieder geraten wir an jene, die eine extreme Fingerfertigkeit voraussetzen, die mich erstaunt. Thomas Sonntag besitzt sie – und erklärt mir geduldig seine Technik. „Der Falz zeigt nach vorn“, sagt er. Dann passe die Zeitung in den Schlitz des Briefkastens. Der Briefschlitz des nächsten Kastens ist viel zu schmal. Doch auch hier hat Thomas Sonntag eine Lösung parat, entfernt die Beilagen und legt sie nacheinander hinein.

Dann darf ich mein Können unter Beweis stellen. Dafür laufen wir eine Auffahrt hinauf. Die langen Auffahrten seien typisch für Oldenburg, erklärt er. Dieses Mal treffen wir auf eine Zeitungsröhre. „Hier muss die Zeitung gerollt werden“, sagt Sonntag. Praktisch, erwidere ich.

In der nächsten Auffahrt müssen wir einen schmalen, mit Büschen zugewachsenen Weg überwinden. „Ich muss immer lange Hosen tragen“, sagt er während wir den Stolperfallen ausweichen. Nicht einmal 50 Meter weiter bleibe ich an einem Busch hängen und weiß, warum er das macht. „Sei froh, dass daran keine Dornen waren“, sagt er mit ernster Mimik.

Demente Menschen

Wer oder was ihm bei seinen Touren schon begegnet ist, frage ich ihn bei unserer Rückkehr zum Fahrrad, das an der Straße geparkt ist. Neben Hunden und Katzen treffe er häufig auf Nachtschwärmer. Seit zwei Jahren mache er zudem eine beunruhigende Beobachtung: „Zunehmend begegnen mir und meinen Kollegen demente Menschen, die auf der Straße oder vor ihren Wohnungen herumirren. Da weiß man gar nicht, wie man sich verhalten soll.“

Beim nächsten Haus kommt die Zeitung nicht in den Briefkasten. Wir stecken sie in das Geländer. „Sonst finden die Leute ihre Zeitung nicht“, sagt er. Dass er so viele Sonderwünsche kennt, finde ich bemerkenswert. Zur Sicherheit hat er eine Liste dabei, auf der Änderungen dokumentiert sind.

Wir müssen unser Tempo erhöhen. „Die nächste Kundin braucht ihre Zeitung bis spätestens um 6 Uhr“, sagt er. Dann müsse sie zur Arbeit. Wir schaffen es gerade rechtzeitig. Ich bin völlig aus der Puste.

„Wenn die Zeitungen nicht rechtzeitig da sind, beschweren sich die Kunden“, erklärt Sonntag. Woran die Verzögerung liegt, interessiere dann nicht. Wie schnell es jedoch zu Verzögerungen bei der Zustellung kommen kann, verstehe ich spätestens, als er mir vom Winter erzählt. Wie schwer die Zustellung wird, wenn Glatteis oder gar Schnee liegt, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Am Ende unserer Tour, um kurz nach 6 Uhr, bin ich völlig erschöpft. Thomas Sonntag macht nun Feierabend, mein Rollentausch endet. Fazit: Die Arbeit, die ein Zusteller bewältigt, bis die Zeitung beim Leser angekommen ist, weiß ich nun noch mehr zu schätzen.

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