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Die Vertrauenskrise muss überwunden werden. Das sagt der ehemalige Bundesbank-Chef.
Von Dieter W. Heumann
Frage:
Die Finanzkrise nahm ihren Ausgang am US-Immobilienmarkt. Immobilienkredite wurden zu Wertpapieren verpackt, gut geratet und den Banken in aller Welt angeboten. Die Wertpapiere waren aber mit hoher Rendite ausgestattet. Hätte das die Käufer dieser Papiere nicht nachdenklich stimmen müssen?
Tietmeyer:
Ich glaube schon, dass in der Finanzwelt der vergangenen Jahre auch bei manchen Produkten und Geschäften mehr Vorsicht und Zurückhaltung notwendig gewesen wären. Leider sind manche der Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten jedoch auch durch problematische makroökonomische Entwicklungen gefördert worden.
Frage:
Inwiefern?
Tietmeyer:
Erstens ist meines Erachtens die monetäre Politik in den USA nach dem 11. September zu lange zu expansiv betrieben worden. Zweitens ist es in den vergangenen Jahren immer stärker auch zu problematischen Wechselkursentwicklungen insbesondere zwischen einigen asiatischen Währungen und dem Dollar gekommen.
Frage:
Was war die Folge?
Tietmeyer:
Der gewaltige Aufbau von Dollarreserven hat nicht nur in den asiatischen Ländern selbst zu einer erheblichen Liquiditätsausweitung in eigener Währung geführt und den Export dieser Länder künstlich gefördert. Darüber hinaus wurden die Dollars auch zu einem erheblichen Teil in den USA wieder angelegt. Dadurch wurde das Wachstum in den USA künstlich stimuliert. Diese Wechselkursverzerrungen haben aber nicht nur zu einer übermäßigen Expansion der Realwirtschaft in den USA geführt, sondern auch zu übermäßiger Finanzierung im Hypothekenbereich. Im Umgang mit der Liquidität sind an den Finanzmärkten so eine Menge von Fehlern begangen worden. Man hätte vorsichtiger sein müssen vor allem in der Bankenwelt, wo sich auch im Zusammenhang mit vielen neuen Produkten zu viel Euphorie ausgebreitet hatte.
Frage:
Nun hat sich der Staat eingeschaltet und will bei den Banken, die er unterstützen wird, auch die Geschäftspolitik mit beeinflussen. Ist das nicht ordnungspolitisch bedenklich?
Tietmeyer:
Wer staatliche Hilfe in Anspruch nimmt, muss sich auch an be- stimmte Vorgaben halten. Und das halte ich im Grundsatz für vertretbar, so lange die unternehmerische Handlungsfähigkeit dadurch nicht übermäßig beeinträchtigt wird. Entscheidend ist jetzt vor allem, dass die Vertrauenskrise an den Märkten bald überwunden wird und dass die Finanzmärkte ihre zentrale Funktion wieder voll entfalten können. Die Rettungsaktionen können nur Übergangshilfen sein, bis das System wieder voll funktioniert. Zudem ist jedoch auch ein Ordnungssystem erforderlich, das die Funktionsfähigkeit der Märkte dauerhaft sichert.
Frage:
Das größte Problem ist derzeit das hohe Maß an Misstrauen. Wann kehrt das Vertrauen zurück?
Tietmeyer:
Nach meiner Einschätzung ist die deutsche und europäische Antwort auf die Krise bisher richtig. Auch die Amerikaner befinden sich nach einigen Unsicherheiten jetzt offensichtlich in einem Lernprozess, der in die richtige Richtung weist. Es ist zu hoffen, dass das Vertrauen an den Finanzmärkten bald wieder zurückkehrt. Aber das kann voraussichtlich nur langsam geschehen.