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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Deutscher Online-Handel fest in US-Hand

09.04.2014

Seattle /Berlin Hätte sich Jeff Bezos 1994 in seinem Freundeskreis durchgesetzt, dann würde der Online-Händler heute vermutlich nicht „Amazon“ sondern „Relentless“ heißen. Denn dieser Name, der so viel wie „unerbittlich“ oder „gnadenlos“ bedeutet, schwebte dem Hedgefonds-Manager vor, als er in Seattle mit seiner Handelsplattform für Bücher an den Start gehen wollte.

Am Ende ließ sich Bezos doch dazu überreden, sein Unternehmen „nur“ nach dem längsten Fluss der Welt zu benennen. Doch mit einer gewissen Gnadenlosigkeit stellten Online-Händler im Allgemeinen und Amazon im Besonderen dann in den folgenden Jahren die gesamte Branche auf den Kopf.

In seiner Biografie „Der Allesverkäufer“ beschreibt der Journalist Brad Stone Bezos als einen visionären Menschen, dem es stets um den Superlativ geht, und der sein Unternehmen konsequent danach ausrichtete: Erst der größte Buchhändler werden, dann der größte Händler überhaupt, mit den meisten Produkten, zu den niedrigsten Preisen, ausgestattet mit den modernsten Technologien, aber so sparsam wie möglich.

„Wenn man klein ist“, sagte Bezos einmal, „kann jederzeit jemand Größerer kommen und einem alles wegnehmen.“ Getreue dieser Maxime trimmt er sein Unternehmen konsequent auf Kurs Expansion. Kurzfristige Gewinne sind unwichtig, stattdessen vertritt Bezos die Idee, dass Handlungsmacht durch schiere Größe wächst.

Mit diesem Kurs erobert er auch Deutschland – mittlerweile größter Auslandsmarkt für den US-Konzern. Mit großem Vorsprung dominieren Amazon und das 1995 in Kalifornien gegründete Internet-Auktionshaus Ebay, das ebenfalls früh auf einen massiven Expansionskurs gesetzt hat, das hiesige Online-Geschäft.

In Deutschland ansässige Unternehmen folgen erst mit weitem Abstand. Neben Nischenanbietern, wie dem Hardware-Spezialisten Alternate/Wave aus dem dem hessischen Linden oder dem Elektronik-Spezialisten Cyberport aus Dresden, schafften es 2013 nur der Online-Shop des Versandhändlers Otto (Hamburg) sowie der 2008 gegründete und auf Mode und Schuhe spezialisierte Online-Händler Zalando (Berlin) noch in die Spitzengruppe. Nach Berechnungen des eWeb-Research-Center der Hochschule Niederrhein liegen heute weit mehr als 50 Prozent des Online-Handelsvolumens in Deutschland in der Hand von US-Konzernen.

Experten, der stationäre Handel und Gewerkschaften sehen diese Marktmacht durchaus mit Sorge. So erwirtschaftet etwa Amazon in Deutschland zwar Milliardenumsätze, zahlt aber kaum Steuern. Schon 2003 und 2004 gründete der Konzern mehrere Gesellschaften im Niedrigsteuerland Luxemburg und betreibt von dort auch die deutschsprachige Seite. Auf diese Weise leitet Amazon seine deutschen Gewinne in die Steueroase um und vermeidet so weitgehend inländische Ertragssteuerzahlungen.

So berichtete etwa „Die Zeit“, dass der Vorsteuergewinn von Amazon in Deutschland 2012 lediglich 10,2 Millionen Euro betrug und die Steuern 3,2 Millionen Euro. Die in Luxemburg ansässige Amazon Europe Holding Technologies wies dagegen einen Gewinn von 118 Millionen Euro aus, Steuern muss sie darauf aufgrund der dortigen Steuergesetzgebung aber nicht zahlen. Medienberichten zufolge soll Amazon so über die Jahre mehr als zwei Milliarden Dollar dort steuerfrei angespart haben.

Der klassische Handel moniert, dass es so keinen fairen Wettbewerb mehr gibt. „Welcher Mittelständler hat schon die Möglichkeit, eine Holding zu gründen und seinen Firmensitz nach Luxemburg oder auf die Cayman Islands zu verlegen?“, fragt etwa Steffen Jost, Präsident des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels.

Ebenfalls immer wieder Diskussionen gibt es um Arbeitsbedingungen und Tarifbindung bei Amazon. Der US-Versandhandelsriese orientiert sich am Tarifvertrag der Logistikbranche. Die Gewerkschaft „Verdi“ fordert dagegen eine höhere Vergütung nach den Tarifen des Versandhandels, wie sie etwa auch der Mitbewerber Otto zahlt.

Für Schlagzeilen sorgen regelmäßig auch die harten Arbeitsbedingungen in den Amazon-Versandzentren. Amazon sei eine Verschleißmaschine und Bezos habe in seinen eigenen Reihen eine „verrohte Gladiatorenkultur“ herangezogen, schreibt Biograf Stone. „Wenn du nicht gut bist, frisst Jeff dich und spuckt dich aus“, zitiert er einen Amazon-Manager. „Und wenn du gut bist, dann springt er dir auf den Rücken und reitet dich zuschanden.“

Da blitzt es wieder auf, das Prinzip „Gnadenlos“. Ganz lösen konnte sich Bezos von seiner ursprünglichen Namensidee übrigens bis heute nicht. Wer „relentless.com“ in seinen Browser tippt, wird direkt weitergeleitet zur Internetseite von Amazon.

Jörg Schürmeyer
Redakteur
Wirtschaftsredaktion
Tel:
0441 9988 2041

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