Nordenham - Für Merle Michelsen steht fest: „Ein teures Fahrrad kaufe ich mir nicht mehr.“ Es ist noch nicht allzu lange her, dass ihr der Drahtesel gestohlen wurde. „Ich sehe es nicht ein, 300 Euro für ein Fahrrad auszugeben“, sagt die 21-Jährige. Deshalb gehörten sie und ihr Vater Jürgen Michelsen am Donnerstagmorgen zu den ersten, die sich auf dem Bauhof nach einem fahrbaren Untersatz umschauten. Dort hat die Stadt insgesamt 52 Fundräder zum Verkauf angeboten.
Von 10 bis 50 Euro
Immer wenn der Schuppen beim Bauhof voll ist, lädt die Stadt zum Fundradverkauf ein. „Das ist etwa zweimal im Jahr der Fall“, sagt Ina Ulken, die am Donnerstag einmal mehr in die Rolle einer Zweiradverkäuferin schlüpfte. Zwischen 10 und 50 Euro kosteten die Drahtesel. Die Preise werden nach einem geschulten Blick durch die Mitarbeiter des Bauhofes festgelegt. Die Auswahl an Prachtexemplaren hielt sich diesmal in Grenzen. Die besten Stücke waren schon nach wenigen Minuten vergriffen. Bereits eine Viertelstunde vor dem Verkaufsstart versammelten sich viele Interessenten auf dem Bauhofgelände, um sich bei der Suche nach einem neuen gebrauchten Fahrrad eine gute Startposition zu verschaffen.
Die Wahl von Merle Michelsen fiel auf ein Damenrad der Marke Rheinfels für 15 Euro. Es hat vorne einen Platten, und die Beleuchtung funktioniert nicht. Also muss Papa Hand anlegen. „Kein Problem“, sagt er. Einen neuen Schlauch, neue Griffe für den Lenker und Lampen will er besorgen und anbauen. „Ich stecke da 20 Euro rein, dann ist das Fahrrad wieder verkehrstauglich.“
Auch auf den Vater von Anna Jankowski kommt in den nächsten Tagen ein wenig Arbeit zu. Die 20-Jährige verließ am Donnerstag mit einem strahlenden Lächeln das Bauhof-Gelände. Sie war auf der Suche nach einem Fahrrad im Retro-Style – und ist tatsächlich fündig geworden. „Das ist richtig cool“, schwärmt Anna Jankowski beim Blick auf das schon etwas in die Jahre gekommene Nostalgie-Gefährt, das aber so gut wie kein anderes ins Anforderungsprofil passt. 20 Euro hat sie für den Drahtesel bezahlt, auf den sie dringend angewiesen ist. „Vor drei Monaten ist mir mein Fahrrad am Bahnhof gestohlen worden“, sagt sie. „Ich wohne in Atens, da brauche ich dringend ein Rad, um in die Stadt zu kommen. Zu Fuß bin ich eine halbe Stunde unterwegs.“ Sich einen neuen Drahtesel zuzulegen, das kam für Anna Jankowski nicht mehr in Frage. Zu groß ist ihr die Gefahr, dass das Rad wieder gestohlen wird.
Vom klapprigen Oldtimer bis zum hochwertigen Gefährt der Marke Kettler reichte das Angebot am Donnerstag auf dem Bauhof. Natürlich versuchte der eine oder andere auch, den Preis zu drücken. Aber der Verhandlungsspielraum ist bei Ina Ulken eher gering, weil die Preise für die Räder ohnehin schon sehr günstig sind.
Sechs Monate müssen die gefundenen Räder von der Stadt aufbewahrt werden. So lange hat der Eigentümer Zeit, sich im Fundbüro zu melden. Tut er das nicht, hat zunächst der Finder das Recht, das Fundstück für zehn Prozent des Schätzwertes zu erwerben. Wenn kein Interesse besteht, kommen die Räder in den Verkauf. Der neue Eigentümer bekommt eine Quittung und kann so nachweisen, dass er der rechtmäßige Eigentümer ist.
Handys werden vernichtet
Die Regelung gilt auch für alle anderen Fundstücke. Ausnahme sind Geräte mit Datenträgern, zum Beispiel Handys und Laptops. Die müssen nach den Worten von Kerstin Mädge, die bei der Stadt für Fundsachen zuständig ist, nach einem halben Jahr aus Gründen des Datenschutzes vernichtet werden. Das gilt auch für Schlüssel.
Kleidungsstücke gibt die Stadt an das Deutsche Rote Kreuz weiter. Brillen werden besonders oft im Fundbüro abgegeben. Auch sie kommen nicht in den Verkauf, sondern werden als Spenden in Länder der Dritten Welt gegeben.
Alle anderen Fundsachen werden verkauft. Bei hochwertigen Schmuckstücken bittet die Stadt einen Juwelier, den Wert zu schätzen.
Kerstin Mädge wundert sich manchmal schon ein wenig darüber, dass sich beispielsweise bei gefundenen Schlüsseln keine Eigentümer melden. Die Bandbreite der Gegenstände, die im Fundbüro abgegeben werden, reicht vom Ohrring über den Turnbeutel bis zum Feuerlöscher. Nicht selten wird auch loses Bargeld abgegeben. Und die ehrlichen Finder sind in vielen Fällen Kinder.
