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Untersuchungen in Schweden eingestellt

NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Die Wirtschaft

Wir sind dann mal weg

25.08.2016

Chef, wir sehen uns nächstes Jahr! Anja Wieben-
James ist mit ihrem Mann um die Welt gereist. Sie selbst hat unvergessliche Eindrücke gewonnen – ihr Arbeitgeber EWE eine zufriedene Mitarbeiterin. Wie regionale Firmen mit Sabbaticals umgehen.

Von Jörg Schürmeyer

Wenn Anja Wieben-James und Henry James sich an das vergangene Jahr erinnern, geraten sie immer noch ins Schwärmen: über die fast 5800 Kilometer langen Fahrten per Greyhound durch die USA, das Leben mit Nomaden in der Mongolei, über den Besuch des Hobbit-Dorfes aus der Film-Trilogie „Der Herr der Ringe“ in Neuseeland oder über die Gastfreundschaft und den süßen Kaffee in Vietnam. „Das sind Eindrücke, die wir unser Leben lang nicht vergessen werden“, sagt Anja Wieben-James.

Die 33-Jährige hat das getan, was laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Fittkau & Maaß 43 Prozent der Arbeitnehmer gern einmal machen würden, aber kaum jemand wirklich in die Tat umsetzt: Sie hat ein Sabbatical genommen – eine mehrmonatige berufliche Auszeit.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Henry (45) hat Anja Wieben-James, die im Bereich Konzernentwicklung des Oldenburger Energieunternehmens EWE arbeitet, die Auszeit zu einer Weltreise genutzt. Ein Jahr lang, von Januar bis Dezember 2015, ging es über drei Etappen durch vier Kontinente und zwölf Länder rund um den Globus. Zunächst stand von Januar bis Juni eine fast schon klassische Weltreise per Flugzeug, Bus und Mietwagen auf dem Programm. Stationen waren die Dominikanische Republik, die USA, Fidschi, Neuseeland, Japan, Südkorea und die Türkei. Es folgte eine zweimonatige Wanderung durch Großbritannien, von Sennen Cove ganz im Süden bis nach John o’Groats an der Nordspitze Schottlands. Zum Abschluss reisten sie schließlich noch von Mitte September bis Mitte November mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau durch Russland und die Mongolei bis nach China und weiter nach Vietnam. „Von dieser Reise hatten wir schon lange geträumt“, sagt Anja Wieben-James.

Damit der Traum Wirklichkeit werden konnte, hat sie auf ein Programm zurückgegriffen, das ihr Arbeitgeber EWE im April 2012 eigens für längere berufliche Auszeiten eingeführt hatte. Mitarbeiter können Überstunden und Sonderzahlungen wie Urlaubsgeld auf ein sogenanntes Zeitwertkonto einzahlen und das Guthaben später abfeiern – für Weiterbildungsmaßnahmen, eine Eltern- oder Pflegezeit, um früher in den Ruhestand zu gehen, Teilzeit zu arbeiten – oder um ein Sabbatical einzulegen.

Der Vorteil: Das Gehalt fließt ebenso weiter wie die Sozialversicherungsbeiträge. „Solch eine finanzielle Absicherung ist bei einer beruflichen Auszeit, wie ich sie genommen habe, schon eine extreme Hilfe“, sagt Anja Wieben-James.

Derartige Modelle, die ein Sabatjahr überhaupt erst ermöglichen, sind in der Unternehmenswelt aber noch die große Ausnahme. Denn einen Anspruch auf ein Sabbatical gibt es zumindest in der Privatwirtschaft nicht. Letztlich liegt es fast immer im Ermessen des Arbeitgebers, ob er seinen Mitarbeitern eine Auszeit gewährt.

Bei den meisten Unternehmen in der Region spielt das Thema – bislang zumindest – noch keine große Rolle. „Bei uns hat es noch keine Nachfrage wegen eines Sabbaticals gegeben“, heißt es etwa beim Oldenburger Fotodienstleister Cewe. Und Timo Cyriacks, Sprecher der Oldenburgischen Landesbank (OLB), sagt: „Da die Motivationen und Vorstellungen betroffener Mitarbeiter selten einheitlich sind, gibt es zum Sabbatical in der OLB keine grundsätzliche Regelung.“ Bestehe Bedarf an einer längeren Auszeit, würden im Gespräch verschiedene Optionen abgeklopft, um für alle Beteiligten die bestmögliche Lösung zu erzielen. 2015 und 2016 hätten aber nur vereinzelt Mitarbeiter eine längerfristige Freistellung über ein halbes beziehungsweise ganzes Jahr in Anspruch genommen.

Viele würden ja gern – wenn da bloß nicht die Einbußenauf dem Gehaltszettel wären

Jürgen Lehmann, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands (AGV) Oldenburg, kann diese Situationsbeschreibung bestätigen. „In der Beratungspraxis hat die Inanspruchnahme einer solchen Auszeit nur eine ganz geringe Relevanz“, sagt er.

Zwar gebe es vereinzelt Anfragen aus dem Mitgliederkreis des AGV, wie eine solche Vereinbarung zu treffen ist und was dabei beachtet werden muss. Viele Beispiele, bei denen dies letztlich auch in die Tat umgesetzt worden sei, sind dem AGV aus der mittelständisch geprägten oldenburgischen Wirtschaft aber nicht bekannt. „Das beruht vermutlich darauf, dass Arbeitnehmer die entgeltlichen Einbußen in der sogenannten Anspar- und Freizeitphase sowie die sozialversicherungsrechtlichen Aspekte unterschätzen“, mutmaßt Lehmann.

Bundesweit sind es vor allem große Konzerne, wie Siemens oder BMW, die im Zuge der Diskussion um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gezielt Programme für eine freiere Zeiteinteilung eingeführt haben und darüber auch die Option mehrmonatiger beruflicher Auszeiten anbieten. „Große Unternehmen haben mehr Möglichkeiten, die Arbeit zu verteilen“, sagt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen. „Wenn in kleinen Unternehmen einer von zehn Angestellten ausfällt, haben sie ein Problem.“

Ihre Wohnung hat das Paar gekündigt. Das Auto wurde kurzerhand verkauft

Das musste auch Henry James erfahren. „Als ich meinem Chef gesagt habe, dass ich gern ein Jahr um die Welt reisen würde, war er erst zunächst schon ein bisschen geschockt“, erinnert er sich. Der 45-Jährige arbeitet als IT-Systemelektroniker in einem Unternehmen in der Wesermarsch mit weniger als 20 Mitarbeitern. Schnell gleichwertigen Ersatz zu finden oder die Stelle durch interne Umstrukturierungen auszufüllen, gestaltet sich in solchen Fällen als schwierig. „Am Ende haben wir uns dazu entschieden, den Arbeitsvertrag aufzulösen – verbunden mit dem Versprechen, dass ich nach meiner Auszeit wieder eingestellt werde“, sagt er.

Finanziert hat er die Reisen um die Welt hauptsächlich über Ersparnisse. Zudem kündigte das Ehepaar die Wohnung, trennte sich von einem Großteil der Einrichtung und verkaufte auch das Auto.

Seine Ehefrau hatte es da etwas leichter. „Meine Kollegen fanden die Idee klasse“, sagt Anja Wieben-James. Natürlich sollte man frühzeitig mit dem Planungen für solch eine längere berufliche Auszeit beginnen und müsse Arbeitgeber und die direkten Vorgesetzten rechtzeitig informieren – bei EWE mindestens drei Monate vorher. Ansonsten sei sie mit ihren Plänen bei ihrem Arbeitgebeber aber auf keine größeren Hindernisse gestoßen.

Warum auch, meint Silke Wenzel, Leiterin des Kompetenzcenters Personal bei EWE. Der Oldenburger Konzern sieht berufliche Auszeiten weniger als Herausforderung, sondern erhofft sich durch die Einführung des Zeitwertkontos auch einen Mehrwert – für den Mitarbeiter, aber auch für das Unternehmen.

„EWE verfolgt mit dem Zeitwertkonto das Ziel, Mitarbeitern die Möglichkeit zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu geben“, sagt Wenzel. Ein damit verbundenes Ziel sei die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität und das Image – auch im Hinblick auf den demografischen Wandel und eine damit einhergehende Verringerung von Fach- und Führungskräften auf dem Arbeitsmarkt. „Das Zeitwertkonto kann EWE einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt verschaffen“, betont sie.

Auch das Thema Gesundheit von Mitarbeitern spiele eine Rolle. „Das Zeitwertkonto ermöglicht gegebenenfalls frühzeitig eine berufliche Auszeit und kann damit einer Erkrankung entgegenwirken, was langfristig gesehen, die Arbeitsleistung im Unternehmen sicherstellt“, sagt Wenzel.

Das bestätigt auch Beschäftigungsexpertin Rump. „Wenn jemand nach 25 Jahren im Unternehmen eine Auszeit nimmt, weil er sich ausgebrannt fühlt, kann das auch ein Instrument zur Gesundheitsvorsorge sein.“ Weiteres Argument: „Wenn Mitarbeiter das Sabbatical nutzen und reisen oder ein Ehrenamt ausüben, entwickeln sie einen anderen Blick auf die Dinge – davon kann das Unternehmen letztlich nur profitieren.“

Anja Wieben-James hat Auszeit und Weltreise auf jeden Fall auch persönlich als Bereicherung aufgefasst. „Ich habe einen anderen Blick auf die Welt bekommen, habe das Leben anderer Menschen kennengelernt“, sagt sie. Vieles relativiere sich, man werde pragmatischer und toleranter.

Anfang des Jahres sind die Eheleute wieder an ihre neuen alten Arbeitsplätze zurückgekehrt. Auch der Arbeitgeber von Henry James hat sein Versprechen eingehalten. Die Abteilung, in der Anja Wieben-James bei EWE tätig ist, hat mittlerweile zwar einen neuen Namen bekommen, „Markt und Politik“ statt Konzernentwicklung, ansonsten habe sich aber nicht viel geändert: „Wenn man ein Jahr lang fast nur draußen unterwegs war, sind die ersten Tage in einem Büro zwar hart, aber ich habe mich dann doch recht schnell wieder eingelebt.“

An ihre Reisen um die Welt denken die beiden immer noch gern zurück. In ein paar Jahren könnte sich Anja Wieben-James durchaus noch mal ein Sabbatical vorstellen, dann vermutlich kein ganzes Jahr, sondern nur ein paar Monate. Ein kleines Guthaben hat sich auf ihrem Zeitwertkonto zumindest schon wieder angesammelt.

Mongolei, Neuseeland Vietnam – kein Ziel war Anja Wieben-James und Henry James zu exotisch. Verwirklicht haben sie ihre Reise mithilfe eines speziellen Arbeitszeitmodells der EWE.

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